„Alles, was man ewig macht, ist grauenhaft“ – Interview mit Katharina Greve

Gepostet am Mrz 9, 2015 in Interview, Künstler | Keine Kommentare
„Alles, was man ewig macht, ist grauenhaft“ – Interview mit Katharina Greve

In ihrem Buch „Hotel Hades“, das 2014 bei Egmont Graphic Novel erschienen ist, erzählt Katharina Greve von den Tücken des Totseins. Die in Berlin lebende Situationsdesignerin hat sich mit Andreas Völlinger über ihre Jenseitsfantasien unterhalten, über Farbe im Comic und über die Frage, welche Hölle am schlimmsten ist.

Katharina Greve 01-1Katharina, was für eine Berufsbezeichnung steht eigentlich in deinen Unterlagen fürs Finanzamt?

Da steht Situationsdesignerin.

Das ist eine offizielle Berufsbezeichnung?

Ja, das ist meine offizielle Berufsbezeichnung, die ich mir selber ausgedacht habe. Die ist auch glatt bei einem recht typischen, korpulenten, schnurrbärtigen, sehr netten Finanzbeamten durchgegangen.

Du bist auch im Comicbereich eine Art Situationsdesignerin, die verschieden lange Erzählsituationen entwickelt, sowohl in Cartoon-, Comic-Strip- und Langcomic-Form. Was hat dich nach einem Architekturstudium zum Comic gebracht?

Architektur war mir einfach zu realistisch, zu ernsthaft, man muss sich an die Naturgesetze halten. Daher habe ich mich auf die Suche nach etwas anderem gemacht. Zuerst habe ich mich in der bildenden Kunst versucht, mit Installationen, Objekten und Performances. Dann kam das szenische Schreiben dazu. Mit einem Kollegen zusammen habe ich mehrere Drehbuchkonzepte entwickelt, aber festgestellt, dass ich Film zwar interessant finde, aber das einfach zu groß und unübersichtlich ist. Es mischen zu viele Leute mit. Schließlich habe ich angefangen, Cartoons zu zeichnen. Die habe ich an die „Titanic“ geschickt und bekam eine sehr nette, positive Antwort und dachte mir, okay, das ist jetzt ein Zeichen.

Nach ein paar Jahren mit Cartoons und Comic-Strips fiel mir die Sache mit den Drehbüchern wieder ein. Ich dachte: Du kannst ganze Geschichten schreiben und jetzt sogar ein bisschen besser zeichnen als vorher. So habe ich angefangen, längere Comics zu entwickeln. Der große Vorteil des Comics gegenüber dem Film ist ja: Ich kann alles sein, Drehbuchautor, Regisseur, Szenograf, Maske, Kostüm in Personalunion.

Was macht dir dabei am meisten Spaß? Das Ausdenken der Witze, die Entwicklung der Geschichten oder Figuren, die zeichnerische Umsetzung – woran hast du im kreativen  Prozess die größte Freude?

Es ist schon die Idee – also der Witz oder die Geschichte –, die mir am meisten Spaß bringt. Das Zeichnen ist die Form der Umsetzung, der Weg der Idee in die Welt.

Hotel HadesDeine Zeichnungen wurden unter anderem schon als minimalistisch beschrieben. Sind sie für dich vornehmlich eine Form der Handlungsvermittlung?

Stimmt, ich habe einen eher konzeptionellen Zugang. Die Idee steht für mich im Vordergrund und ich möchte sie gerne so klar erzählen, wie es geht. Ich habe keine barocken, verschnörkelten Ambitionen. Eine Seite soll gut aussehen, am Seitenaufbau arbeite ich auch relativ lange. Aber die Zeichnung muss diese Idee klar transportieren. Mein Geschmack ist eher: gerade, klar und einfach.

Apropos Geschmack: Gibt es für dich Idole oder Künstler, mit denen du dich gerne auseinandersetzt? Das müssen natürlich nicht zwangsweise Comic-Künstler sein.

Es gibt viele Künstler aus allen Genres, die ich toll und inspirierend finde, aber ich habe kein Vorbild, dem ich direkt nacheifere. Meine Lieblingsautoren sind zurzeit Douglas Adams und David Sedaris. Bei den Comiczeichnern ist es – was die Zeichnungen angeht – Chris Ware. An dem kommt man einfach nicht vorbei! Aber ich lese und sehe auch Nicolas Mahler, Larry Marder und Guy Delisle sehr gern.

Wie hast du die außergewöhnliche Idee für „Hotel Hades“ an Egmont gepitcht?

Damals hat mich Klaus Schikowski gefragt, ob ich einen Stoff hätte, als er bei Egmont das Graphic-Novel-Programm mit aufbaute. Da hatte ich gerade zufällig diese Idee in der Schublade.

Woher kam der Wunsch, eine Geschichte über ein hauptsächlich griechisch geprägtes Jenseits zu erzählen, das zugleich eine Bürokratie-Hölle ist?

Ich habe schon als kleines Kind viele griechische Sagen gelesen, wir hatten ein Buch mit sehr vielen großen, unglaublich toll gemalten Bildern. Als Teenager kam Sartre dazu:  „Die geschlossene Gesellschaft“ und „Das Spiel ist aus“ – meine pubertäre Existenzialismusphase. An diesen beiden Büchern haben mich die verschiedenen Entwürfe vom Jenseits fasziniert. Der Tod an sich begleitet mich als Thema schon mein Leben lang. Es gärte also schon länger, bevor das ein Comic-Stoff wurde.

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Der letzte Tropfen war eine Reportage über deutsche Dauerurlauber in der Türkei. Die lebten in tristen Bettenburgen, es war Winter und der ist am Mittelmeer ja auch nicht so dolle. Es war alles grau und wahrscheinlich so 15 Grad, und dann latschen diese Rentner in Beige durch die Gegend und essen jeden Tag vom selben Büfett. Ich dachte mir, das ist die Hölle! Für alle Beteiligten. Ein grauenhafter Dauerurlaub, der niemals endet. Das war die Idee für die „Hotel Hades“-Welt. Selbst der auf den ersten Blick schön wirkende Teil, das Elysion als bunte Event-Welt, ist in Wirklichkeit grauenhaft. Alles, was man ewig macht, ist grauenhaft.

Vor allem die Vorstellung vom ewigen Oktoberfest hat mich schaudern lassen! Die gefeierte Schriftstellerin Martha Korn, eine der Hauptfiguren in „Hotel Hades“, besitzt ja ein VIP-Tickt für das Elysion, das ihr aber abhanden kommt. Was inspirierte dich zu dieser Figur? Hat sie ein reales Vorbild in der Literaturszene?

Bei Aussehen und Kleidung habe ich mich tatsächlich von einer bekannten deutschen Schriftstellerin inspirieren lassen. Aber nicht, was ihr Privatleben betrifft. Die Hauptperson ist ja eigentlich der Imbissbudenbesitzer Peter. Aber weil der so ein Durchschnittstyp ist und nur durch sein Schicksal stolpert, musste ich mir für das Figurenensemble einen gegensätzlichen Charakter überlegen. Da ist eine sehr intellektuelle Frau einfach praktisch, die auch tatsächlich alles versteht, was passiert, und es einordnen kann. Insgesamt fällt mir selbst bei meinen Büchern auf, dass die männlichen Figuren meistens etwas desorientiert und passiv sind. Die weiblichen Figuren dagegen sind sehr geradeaus. Mehr möchte ich mich aber nicht selbst interpretieren. (lacht)

Von den gezeigten Schicksalen in „Hotel Hades“, was wäre deine persönliche Hölle?

Jede Ewigkeit, die du bewusst erlebst, ist die Hölle. Ich glaube, es ist ziemlich egal, ob du einen Stein den Berg hochrollen oder 18 Stunden am Tag Anträge ausfüllen musst oder endlos durch ein übertrieben bonbonbuntes Event-Areal hüpfst und alles bekommst, was du haben willst. Ich würde mich für das Lethe-Wasser entscheiden.

Was reizt dich am Thema Religion? Du hast dich auch vorher schon in deinen Cartoonarbeiten am Papst und dem christlichen Himmelreich gerieben.

Ich finde es als Atheistin sehr interessant, was es in Religionen für Heilsversprechen gibt und was die Aussicht auf irgendeine Form von Erlösung oder Paradies mit den Leuten im Diesseits anrichtet. Das umfasst nicht nur religiös motivierte Attentäter, sondern auch durchschnittliche Christen, die vielleicht nur eine sehr wabernde, unklare Vorstellung ihrer Religion haben, aber dadurch das Diesseits nicht in Frage stellen. Das ist der Klassiker: Religion als Opium fürs Volk.

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Wie hast du die dargestellten Götter ausgewählt? Die stammen ja aus allen möglichen Kulturen.

Bei den dargestellten Göttern in „Hotel Hades“ habe ich versucht, einen von jedem Kontinent dabeizuhaben, schließlich ist das Jenseits komplett multikulti, alle kommen dorthin. Zu der Götterauswahl gibt es im Netz eine kleine Leserrezension, in der sinngemäß steht „Und sie hat wohlweislich nicht Allah in diese Runde aufgenommen“. Da kommen wir jetzt tief in die Religionswissenschaften und zu der Frage: Ist der christliche Gott, den ich abgebildet habe, nun auch Allah oder nicht? Wenn man sich die Entwicklung der monotheistischen Religionen anguckt, dann haben Christentum, Judentum und der Islam ja dieselben Wurzeln und teilweise dasselbe Personal. Deswegen würde ich schon sagen, dass Allah und Gott dasselbe höhere Wesen sind – allerdings nicht zu verwechseln mit Mohammed, der lediglich ein Prophet, aber nicht der Gott ist.

In deinen Comics und Cartoons setzt du dich hauptsächlich mit gesellschaftlichen und politisch-sozialen Themen auseinander. Glaubst du, dass Erzählmedien die Welt verbessern können oder sollen? Hast du da ein gewisses Sendungsbewusstsein?

Ich sehe meinen Schwerpunkt etwas anders: Ich setze mich in erster Linie mit meinen Innenwelten auseinander. Die sind mal absurd und bizarr – mal haben sie etwas mit Politik oder Gesellschaft zu tun. Ich glaube nicht, dass ein Buch viel verändern kann. Ich erzähle die Geschichten, die ich gerne erzählen möchte, und behandle die Themen, die mir wichtig sind. Eine Revolution wird das wohl leider nicht auslösen.

Du setzt Farben sehr reduziert, geradezu sparsam ein. In „Hotel Hades“ dienen sie als gezieltes Stilmittel, um z.B. das Elysion vom Rest des Jenseits abzugrenzen. In deinen anderen Arbeiten verhält es sich ähnlich. Kann man auch mal einen komplett bunten Comic von dir erwarten?

Ich setze Farbe komplett konzeptionell ein und wenn eine Geschichte danach schreit, dass sie bunt ist, dann soll sie auch bunt sein. Ich habe keine Angst vor Farbe. (lacht)Ein Mann geht an die Decke“ hat keine Farbe gebraucht, da es ein sehr architektonisches Buch ist und der klassische Architektur-Plan schwarzweiß ist. In „Patchwork“ hat jede Figur und jeder Ort eine Farbe und ein Muster, das ist Konzept, denn die Story ist wie ein Patchwork aus verschiedenen Flicken aneinandergenäht. Durch schnelle Ortswechsel ergibt sich dann auch auf den Comic-Seiten ein farbiges Szenen-Mosaik. In „Hotel Hades“ sind es die drei Jenseitsebenen, die unterschiedliche Farbkonzepte haben. Die reale Welt ist normalfarbig. Aber wenn die nächste Geschichte in einer Farbhandlung spielt, gibt es auch viel Farbe. (lacht)

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Apropos, hast du denn bereits eine Idee für die nächste Geschichte?

Jein. Was für mich dieses Jahr im Vordergrund steht, ist die kürzere Strecke, Cartoons und Comic-Strips. Ich zeichne dieses Jahr für „Das Magazin“ die Serie „Die dicke Prinzessin Petronia“. Irgendwann im Sommer hole ich dann noch mal tief Luft und denke genauer über die nächste längere Geschichte nach.

Kannst du dir vorstellen, noch mal in die selbst geschaffene Mythenwelt von „Hotel Hades“ zurückzukehren? Du hast darin ja sehr viele interessante Ideen, die teils nur angerissen werden. Oder ist dieses Kapitel abgeschlossen?

Es ist abgeschlossen. Das ist jedes Mal so, wenn ich eine Welt einmal durchdacht habe. Es kommt zwar nur ein Bruchteil dieser Gedanken in das Buch, aber diese Welt ist komplett entworfen – mit Städtebau, Einreiseterminal, die Arbeitsschichten sind durchgerechnet. Es ist alles überlegt und gezeichnet, was mich an diesem Weltenentwurf interessiert. Allerdings hätte ich nichts dagegen, wenn sich Film oder Fernsehen der Sache annehmen würden. Diese Geschichte in ein anderes Medium zu übertragen, fände ich interessant und spannend – natürlich nur für unverschämt viel Geld und Mitspracherecht für mich an den Drehbüchern. (lacht)

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