„Comiczeichnen ist ein Langstreckenlauf“ – Interview mit Nacho Casanova

Gepostet am Feb 9, 2015 in Interview, Künstler | Keine Kommentare
„Comiczeichnen ist ein Langstreckenlauf“ – Interview mit Nacho Casanova

Im November erschien bei Egmont Graphic Novel „Intisars Auto“, eine Geschichte über eine Frau im Jemen, die ihr Leben selbst bestimmen will und dabei ständig in Konflikt mit den patriarchalischen Strukturen ihres Heimatlandes gerät. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Pedro Riera schuf Nacho Casanova dieses außergewöhnliche Buch, das einen intimen und detaillierten Einblick in die Welt hinter dem Schleier gewährt. Übersetzer André Höchemer hat sich mit dem spanischen Zeichner über seine Arbeit unterhalten.

Wie kam die Zusammenarbeit zwischen dir und Pedro Riera zustande?

Pedro und ich sind schon länger befreundet, hatten aber noch nie zusammengearbeitet. Dann ging er für eineinhalb Jahre in den Jemen und schrieb seine Erfahrungen dort nieder. Pedro fand, dass sich der Text gut für einen Comic eignete, und fragte mich, ob ich bei dem Projekt mitwirken wollte. Die Handlung und die Figuren standen schon fest, und auch das Skript war fast fertig. Pedro schickte mir zahlreiche Innen- und Außenaufnahmen aus dem Jemen, damit ich mir eine Vorstellung machen und Zeichnungen vorbereiten konnte. Dem Verleger präsentierten wir das Projekt als Team. Ich fing an, die Graphic Novel zu zeichnen, als Pedro aus dem Jemen zurückkam. Das war genau zu der Zeit, als dort der Arabische Frühling einsetzte. Ich zeichnete aber Ereignisse aus der Vergangenheit, die nichts mit jener Revolution zu tun hatten. Es ist einfach unmöglich, etwas Brandaktuelles zu spiegeln, denn von der Entstehung einer Comicseite bis zu ihrer Veröffentlichung vergeht normalerweise mindestens ein Jahr.

„Comiczeichnen ist ein Langstreckenlauf“ - Interview mit Nacho Casanova

Nacho Casanova und André Höchemer im Januar 2015

Warst du auch am Skript beteiligt oder hast du nur gezeichnet?

Pedro hatte zwar die Handlung geschrieben, aber als literarisches Skript, ohne technische Hinweise. Um die habe ich mich gekümmert, also die Bestimmung der Panels, des Seitenaufbaus, also des sogenannten Storyboards. Pedro bat mich, die Geschichte so zu erzählen, wie ich das immer tue, nämlich aus dokumentarischer Sicht und mit Schilderung der sozialen Gegebenheiten, denn es gefiel ihm, wie ich Geschichten grafisch umsetze. Im abschließenden Text von „Intisars Auto“ ist erwähnt, wie wir über das Storyboard diskutierten, das  Pedro nicht gleich verstand. Er schlug mir einige Änderungen vor, aber ich machte hinterher, was ich für besser hielt (lacht). Nein, ganz im Ernst, ich habe schon einige Tricks aus der Comicsprache beigesteuert. Pedro ist Schriftsteller und denkt nicht grafisch, sondern literarisch. Daher habe ich insofern am Skript mitgewirkt, dass ich die Handlung in die Comicsprache übertragen habe. Die Geschichte, die Dialoge und die Beschreibung stammen zu einhundert Prozent von Pedro, doch die Wechselwirkung zwischen Text und Bildern entspringt unserer direkten Zusammenarbeit.

Entspricht dieses Teamwork deiner üblichen Arbeitsweise? Oder übernimmst du lieber selbst das Skript und die Zeichnung?

Ich habe bisher acht Bücher herausgebracht, und nur zwei der Skripts stammen von jemand anderem. Eine Zusammenarbeit ist für mich eher ungewöhnlich, denn sie bedeutet, dass man immer ein wenig verhandeln muss, weil ja jeder Skriptautor eigene Argumente hat. Mir fällt es schwer, mit den Skripts anderer zu arbeiten, denn das hat für mich mehr mit Büroarbeit als mit meiner üblichen Arbeit zu tun. Im Fall von „Intisars Auto“ ermöglichte mir die Zusammenarbeit allerdings Zugriff auf Material, das ich persönlich nicht zustande gebracht hätte, denn Pedro reist gerne und ist ein echter Abenteurer. Ich bereicherte mich also an seinen Erlebnissen (lacht). Beim Zeichnen bin ich zeitlich recht eingeschränkt, weil ich noch andere Deadlines einhalten muss, aber der Skriptautor weiß natürlich nicht, wie aufwendig es ist, eine Seite zu zeichnen. Das Skript für „Intisars Auto“ bestand anfangs aus rund 120 Seiten. Pedro fand jedoch einige Szenen zu kurz und bat mich, sie etwas zu erweitern, ohne zu ahnen, welchen Aufwand das für mich bedeutete. Nach und nach erweiterten wir es auf 180 Seiten, was für mich mit vier Monaten mehr Arbeit verbunden war.

Cover. Intisars Auto

Intisars Auto – Aus dem Leben einer jungen Frau im Jemen

Meine Themen entspringen eigenen Beobachtungen oder Erlebnissen. Meine Werke sind autobiografisch und ein Spiegel persönlicher Erfahrungen. Es handelt sich um alltägliche Dinge, die jedem von uns widerfahren können, wie eine Trennung von der Partnerin usw. Wenn man eine Geschichte erzählt, die uns allen passieren könnte, gewinnt man die Empathie des Lesers. Ich versuche darüber hinaus, eine universelle Geschichte von einem ganz persönlichen Standpunkt aus zu erzählen. So entsteht eine Dichotomie, da ich eigene Erfahrungen und Fantasie miteinander kombiniere. Dabei hebe ich einen Aspekt besonders hervor, nämlich die Vertraulichkeit. Meine Bücher werden in einer intimen Atmosphäre gelesen, und ich nutze und verstärke diese Atmosphäre. Ich will den Leser so in seinem tiefsten Inneren ansprechen, dass er an etwas erinnert wird, was ihm selbst widerfahren ist. Das ist meine Absicht, mein Ausgangspunkt für Ideen hinsichtlich der sozialen Gegebenheiten, die ich vorhin erwähnt habe.

Erzähl ein wenig von deiner Arbeit. Zeichnest du Vollzeit oder hast du noch andere Beschäftigungen?

Anders als viele Zeichner, die auch Illustrationen für andere machen, illustriere ich nur eigene Projekte, denn so hebe ich mir die Ideen für meine eigene Arbeit auf. Sechzig Prozent meiner Arbeitszeit widme ich allerdings Layout- und Designaufträgen von Verlagen. Außerdem gebe ich Kurse über Layoutprogramme wie InDesign und halte Vorlesungen an Fach- und Hochschulen über die Ansätze für kreative Projekte, beispielsweise die kohärente Umsetzung einer Geschichte. Diese Tätigkeiten sind Einkommensquellen, aber das Zeichnen behalte ich mir selbst vor. Es fällt mir schwer zu zeichnen, und ich leide dabei.

Du leidest beim Zeichnen?

Mir wird heiß, ich schwitze, erhebe mich immer wieder von meinem Stuhl, um die Waschmaschine anzustellen oder zu leeren oder was auch immer. Mir geht es richtig mies beim Zeichnen, und deshalb kann ich nicht im Auftrag anderer zeichnen, sondern nur aus eigenem Antrieb. Früher habe ich zwar Bücher und Enzyklopädien für andere illustriert, aber das fiel mir schwer, denn mir wurden ein Stil und ein Briefing vorgegeben, und ich musste es befolgen. Aber genau das langweilt mich. Bei meinen eigenen Projekten wiederum befallen mich ständig Zweifel, und deswegen leide ich.

Wie bist du eigentlich Zeichner geworden? Hast du eine Ausbildung oder ein Studium durchlaufen oder bist du Autodidakt?

Auf dem Gymnasium wusste ich schon, dass ich Zeichner werden will. Ohne jegliche Ausbildung habe ich an Comic-Wettbewerben in meiner Heimatstadt Zaragoza teilgenommen und auch einige davon gewonnen. Daraufhin schrieb ich mich an der Fakultät der Schönen Künste in Valencia ein, da es eine solche damals in Zaragoza noch nicht gab. Dort lernte ich eine Gruppe von Kommilitonen mit den gleichen Interessen wie ich kennen. An der Fakultät wurden unsere Comic-Interessen jedoch nicht gefördert, denn in den Neunzigerjahren standen Comics nicht für die Qualität, welche die Universität anstrebte. Meinen Abschluss machte ich in der Fachrichtung „Bildhauerei“, wobei mich meine Professoren dafür rügten, dass meine Werke angeblich wie Comicfiguren wirkten. Das war für sie ein negativer Aspekt. Meine Freunde und ich waren dennoch darum bemüht, uns zu Comicautoren zu entwickeln, und so nahmen wir an Workshops, Seminaren usw. teil. Außerdem riefen wir per Teamwork ein Fanzine namens „Como vacas mirando el tren“ (auf Deutsch etwa „Wie der Ochs vorm Berg“) ins Leben, das ziemlich gut ankam und auch für uns sehr hilfreich war. Wenn man sich verpflichtet, eine bestimmte Anzahl an Seiten beizusteuern, muss man sich tagtäglich hinsetzen und zeichnen. Dabei eignet man sich eine Routine an, und wenn etwas zur Routine wird, dann fällt es leichter. Man wird eben nicht beim Fernsehen von der Muse geküsst. Zeichnen ist wie Muskeltraining, und Comiczeichnen ist ein Langstreckenlauf, kein Sprint.

Wie würdest du deinen Zeichenstil bezeichnen? Hast du ein bestimmtes Vorbild? Welche Zeichner haben dich am meisten beeindruckt oder beeinflusst?

Ich finde es wichtig, dass wir Zeichner unsere eigenen Codes entwickeln. Ich habe kein Vorbild, das meinen Zeichenstil beeinflusst hätte, aber bei bestimmten Umsetzungen – beispielsweise der Darstellung von Ohren oder Bäumen oder was auch immer – habe ich schon mal geschaut, wie denn die Autoren vorgehen, die ich mag. Ich gehöre zu keiner bestimmten grafischen Schule, sondern habe die Codes entwickelt, die mir bei dem, was ich erzählen will, nützlich sind. Davon abgesehen bewundere ich die Arbeit von Künstlern wie Carlos Giménez, der in meinen Augen dank „Paracuellos“ und „Los profesionales“ der Meister des spanischen Comics ist. Ein absoluter Klassiker ist für mich auch Will Eisner, und von den aktuellen Autoren mag ich Frank Quitely, Juan Berrio, Chris Ware und Bastien Vivès. Nicht unbedingt als Vorbilder, sondern ich lese sie gerne.

„Comiczeichnen ist ein Langstreckenlauf“ - Interview mit Nacho Casanova

Wie ich sehe, hast du den Skizzenblock immer mit dabei. Entsteht da gerade etwas Neues?

Ich zeichne ständig und habe immer irgendein Projekt in petto. Oder ein Skript, an dem ich gerade arbeite. Nach „Intisars Auto“ habe ich das Buch „Pornografik“ geschrieben und gezeichnet, das auch in Deutschland erschienen ist und mit dem ich wieder zu den intimistischen sozialen Geschichten zurückgekehrt bin, die mich interessieren. Ich schreibe schon seit einiger Zeit Kurzgeschichten über Liebe, Liebesverlust und Freundschaft, aber möglicherweise ist es kein guter Zeitpunkt, um etwas zu veröffentlichen, das so wenig greifbar und klassifizierbar ist. Die Welt schaut mittlerweile genauer auf das Genre Comic und fordert konkrete Themen, wie sie von Kollegen wie Paco Roca (Alzheimer, Spanischer Bürgerkrieg, Zweiter Weltkrieg) oder Cristina Duran und Miguel A. Giner (Adoption, Krankheiten) behandelt werden, also soziale Themen mit einem dokumentarischen Aspekt und einer reizvollen Geschichte. Man hat mir bereits vorgeschlagen, einen Comic zu einem solch persönlichen Thema zu schreiben. Den Comic mit den Kurzgeschichten werde ich fertigstellen und für einen späteren Zeitpunkt aufheben.

Soviel ich weiß, bist du Mitglied im Berufsverband der Illustratoren in Valencia (Asociación Profesional de Ilustradores de Valencia, APIV). Was genau macht ihr in diesem Verband?

Ich war einige Jahre Vorsitzender des Verbands und bin mittlerweile ein normales Mitglied. Ich habe schon immer gewerkschaftliche Interessen gehabt, wenngleich mein Glaube an die Menschheit generell eher gering ist (lacht). Das mag ein Widerspruch sein, aber ich setze mich für die Verteidigung des Kollektivs ein. Der APIV ist ein Berufsverband und dient daher dem Austausch von Informationen, Erfahrungen und Kontakten. Außerdem organisiert er Aktivitäten für seine Mitglieder und verteidigt ihre Rechte. Hin und wieder werden auch öffentliche Veranstaltungen organisiert, damit die Branche mehr und besser wahrgenommen wird. Dazu zählen beispielsweise Ausstellungen oder die Mitwirkung an der hiesigen Buchmesse.

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