„Der Tod hat nicht das letzte Wort“ – Ein Ausstellungsbericht

Gepostet am Feb 11, 2015 in Künstler, Veranstaltungen | Keine Kommentare
„Der Tod hat nicht das letzte Wort“ – Ein Ausstellungsbericht

In Berlin sind derzeit die Ausstellungen „Der Tod hat nicht das letzte Wort – Niemand zeugt für den Zeugen“ und „Zeichnen gegen das Vergessen“ zu sehen. Unter den Werken befinden sich auch Arbeiten von Michel Kichka, dessen Buch „Zweite Generation – Was ich meinem Vater nie gesagt habe“ im vergangenen Jahr bei Egmont Graphic Novel erschienen ist. Andreas Völlinger war für uns im Paul-Löbe-Haus und hat sich die Ausstellung angesehen.

Steigt man die breite Eingangstreppe ins Foyer des Paul-Löbe-Hauses hinab, sieht man sich einem kleinen weißen Hügel aus schwer definierbaren Objekten gegenüber. Erst auf den zweiten Blick aus nächster Nähe erweist sich das auf einem Podest drapierte Gebilde als Ansammlung von Schuhen, die komplett mit einer dicken Salzkruste überzogen sind. Die israelische Künstlerin Sigalit Landau hat diese Schuhe in Jerusalem gesammelt und dann im Toten Meer versenkt, bis sie wie komplette Salzgebilde aussahen. Im Kontext des Ausstellungsthemas tauchen vor dem inneren Auge sofort die Bilder der Schuh- und Kleiderberge auf, welche sich in den Vernichtungslagern der Nazis ansammelten. Jene furchtbaren Zeugnisse des mit perfider industrieller Präzision durchgeführten Völkermords an Millionen Juden.

  • © 2015 Tom Eickelau
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  • © 2015 Tom Eickelau
Fotos: © 2015 Tom Eickelau

Einige der Künstler, deren Werke Teil der Ausstellung „Der Tod hat nicht das letzte Wort – Niemand zeugt für den Zeugen“ sind, haben den nahezu unvorstellbaren Schrecken der Konzentrationslager selbst erlebt. So Sigalit Landaus Lehrer Yehuda Bacon, heute 85 Jahre und Kunstprofessor in Jerusalem, der als Kind ins Konzentrationslager Theresienstadt gebracht wurde. Dort lernte er vom jungen Künstler Peter Kien das Zeichnen. Beide wurden schließlich nach Auschwitz deportiert, wo Kien starb und Bacon überlebte. Künstler wie er, Leo Haas und Jerzy Adam Brandhuber, welche der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie entkommen konnten, verarbeiteten ihre Erlebnisse in den folgenden Jahren und Jahrzehnten in ihren Werken.

Viele andere jüdische Künstler wie Peter Kien überlebten den Holocaust nicht. Doch in wenigen Fällen überlebten ihre Bilder, welche in den Konzentrationslagern entstanden waren, in Verstecken und der Obhut überlebender Mitgefangener. So einige beeindruckende Porträts, die der polnisch-jüdische Maler Marian Ruzamski in Auschwitz von anderen Inhaftierten angefertigt hatte. Die von ihm festgehaltenen ausdrucksstarken und realistischen Gesichter beeindrucken bereits an sich. Mit dem Hintergrundwissen, wo und unter welchen Umständen sie entstanden, entfalten sie jedoch eine unerwartete emotionale Wucht. Genauso wie das geradezu idyllisch anmutende Aquarell, das der Auschwitz-Überlebende Jan Markiel 1944 von einem Bäckermädchen, das für die Häftlinge im Konzentrationslager buk, angefertigt hatte. Selbst mitten im geschäftigen Treiben in der großen Halle des Bundestagsgebäudes, das die Büros vieler Abgeordneter sowie zahlreiche Ausschuss-Sitzungsräume beherbergt, kann man sich dem Sog dieser Bilder, mit all dem Grauen hinter ihrer Entstehung, kaum entziehen.

Dass derartige künstlerische Arbeiten, die vor Ort in den Konzentrationslagern entstanden, Ausnahmen sind, darauf weist eine der begleitenden Informationstafeln hin. Viele Juden, welche in die Arbeits- und Vernichtungslager kamen, wurden umgehend ermordet oder lebten dort unter derart unsagbaren Bedingungen, dass es ihnen kaum möglich war, Kunst zu schaffen.

Neben die aus verschiedenen Gedenkstätten und Museen zusammengetragenen Werke der Zeitzeugen hat Kurator Jürgen Kaumkötter auch Beiträge von Künstlern der Post-Holocaust-Generation gestellt. Eine der wuchtigen, mauerartig wirkenden Ausstellungswände ist dem Comic-Künstler Michael Kichka gewidmet. Gezeigt werden getuschte Originalseiten für seinen Comicroman „Zweite Generation“, in dem er die Geschichte seines Vaters Henri Kichka erzählt, der Auschwitz überlebte und seine traumatischen Erinnerungen an den Holocaust an seine Kinder „vererbte“. Dieser Akt der Weitergabe an die folgenden Generationen ist auch einer der erklärten Schwerpunkte der Ausstellung. Nach den Zeitzeugen sind es nun deren Kinder und Enkel, welche den Holocaust in ihrer Kunst darstellen und verarbeiten.

Dass es keine familiären Verbindungen braucht, um sich als Künstler hier auf beeindruckende Art einzureihen, beweist der österreichische Maler Manfred Bockelmann, dessen Arbeit die thematisch angegliederte Ausstellung „Zeichnen gegen das Vergessen“ zeigt. Ein paar Meter abseits des Foyers, im ruhigeren Gang unter der Eingangstreppe, hängen Dutzende großformatige Kohlezeichnungen, allesamt Porträts von Kindern und Jugendlichen, die als Juden, Sinti und Roma oder wegen ihrer Behinderungen Opfer der Nazis wurden. Als Vorlage dienten Bockelmann größtenteils erkennungsdienstliche Fotografien, welche in den Konzentrationslagern entstanden, teils auch aus Familienfotoalben stammende Aufnahmen aus besseren Zeiten. Von der jugendlichen Unschuld in den Gesichtern und den großen Augen der von ihm Porträtierten geht eine beklemmende Kraft aus, der man sich nur schwer entziehen kann.

KünstlerInnen wie Bockelmann, Kichka und Landau beweisen, dass die Auseinandersetzung mit dem Holocaust keineswegs abgeschlossen und archiviert, sondern ein fortlaufendes Unterfangen ist. Eines, das gegenwärtige wie zukünftige Künstlergenerationen weiterhin beschäftigen wird und beschäftigen muss. Ebenso uns, die Betrachter und Rezipienten ihrer Werke, die somit ebenfalls zu Zeugen werden.

Die Ausstellungen „Der Tod hat nicht das letzte Wort – Niemand zeugt für den Zeugen“ und „Zeichnen gegen das Vergessen“ sind noch bis zum 27. Februar 2015 kostenlos im Paul-Löbe-Haus in Berlin zu sehen. Nötig ist eine vorherige Anmeldung per E-Mail an: info-ausstellungen-plh@bundestag.de. Weitere Informationen und die Öffnungszeiten gibt es hier. Das begleitende Buch zur Ausstellung von Kurator Jürgen Kaumkötter ist im Galiani Verlag erschienen.

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