Dreißig, fünfzig oder hundert Jahre – Interview mit Marcelino Truong

Gepostet am Mai 5, 2015 in Interview, Künstler | Keine Kommentare
Dreißig, fünfzig oder hundert Jahre – Interview mit Marcelino Truong

Im April 2015 erschien bei Egmont Graphic Novel Ein schöner kleiner Krieg. Wir haben uns mit Marcelino Truong über die Entstehung seines Buches unterhalten, über Saigon in den Sechzigerjahren und über die Veränderungen nach Kriegsende.

Truong_Marcelino_c_Justin_Creedy-Smith_1cWarum haben Sie sich für den Titel Ein schöner kleiner Krieg entschieden?

Das ist natürlich ironisch gemeint. Die Inspiration für diesen Titel rührt von dem Buch Once Upon a Distant War (1995) des früheren Washington Post-Reporters William Prochnau her. Darin wird die Geschichte all der amerikanischen Korrespondenten erzählt, die über den Vietnamkrieg berichtet haben. Prochnau zitiert die Worte eines CIA-Agenten aus einem Roman von Just Ward, der früher Journalist in Vietnam war: „Anfangs war es ein schöner kleiner Krieg. Ein eleganter, entspannter kleiner Krieg im Land der Tiger und Elefanten.“ Für viele junge ausländische Reporter war der Krieg zu Beginn eine exotische, erotische und narkotische Erfahrung. Einen guten Eindruck von dieser Atmosphäre bekommt man, wenn man Michael Herrs An die Hölle verraten (1977) liest, seinen sehr hippen Bericht über den Vietnamtrip.

„Es ist, als ob man aus einem Traum erwacht. Man hat den Großteil vergessen, bloß ein paar besonders eindrucksvolle Szenen sind im Gedächtnis geblieben.“

Detail MarcoWie war die Situation im Land, als Ihre Familie in Saigon ankam?

Wir kamen im Juli 1961 in Saigon an. Da war der Krieg noch recht überschaubar und nicht das Armageddon, zu dem er später werden sollte. Es war ein Guerillakrieg, bei dem monatlich (!) etwa 1000 Opfer – meist Zivilisten – den Tod fanden. Saigon war das Theater der aufbrodelnden politischen Intrige. Eliteeinheiten des Militärs aus dem Süden versuchten ständig, die antikommunistische Regierung in Saigon zu stürzen. In Ein schöner kleiner Krieg erzähle ich von einer spektakulären Bombardierung des Präsidentenpalasts im Jahr 1962, die von zwei Piloten der vietnamesischen Luftwaffe durchgeführt wurde. Sie flogen mit Skyraiders und wollten den Präsidenten samt seiner Familie umbringen. Das geschah direkt vor unserer Haustür.

Wie haben Sie diese Situation wahrgenommen?

Ich war bloß ein kleiner Junge. Der Anblick von Waffen, Soldaten und Panzern – ich fand das aufregend. Die Kampfflugzeuge und -hubschrauber, die über den Himmel von Saigon zogen, waren unglaublich spannend für mich.

Cover_BlackWie haben Sie diese beiden Jahre rekonstruiert? Was waren Ihre Quellen?

Zunächst einmal hatte ich meine eigenen Erinnerungen. Ich war zwar erst sechs Jahre alt, als wir Saigon verließen, doch ich erinnere mich an viele Dinge noch sehr gut. Es ist, als ob man aus einem Traum erwacht. Man hat den Großteil vergessen, bloß ein paar besonders eindrucksvolle Szenen sind im Gedächtnis geblieben. Trotz des Kriegs liebte ich es, dort zu wohnen. Es war eine aufregende Erfahrung für mich, da man in Saigon relativ sicher war … abgesehen von der einen oder anderen Granate, die hin und wieder in einem Restaurant oder Kino hochging.

Um die Lücken in meinen Kindheitserinnerungen zu füllen, konnte ich auf eine einzigartige Quelle zurückgreifen: die zahlreichen Briefe, die meine französische Mutter während unserer zwei Jahre in Saigon an ihre Eltern in der Bretagne geschrieben hatte. Meine Großeltern mütterlicherseits hatten all diese Briefe in ihren Luftpostkuverts mit den emblematischen Briefmarken der Republik Vietnam aufgehoben. Dank der Schilderungen meiner Mutter war ich in der Lage, die Chronologie unseres Lebens in Saigon zu rekonstruieren.

Ich las zudem – und lese immer noch – eine große Menge Literatur über diese Zeit. Es gibt zahlreiche englische und auch ein paar französische Bücher über diese spezielle Phase des Indochinakriegs. Leider ist mein Vietnamesisch sehr schlecht. Mein Vater und Freunde halfen mir, indem sie relevante vietnamesische Dokumente für mich übersetzten.

Zu guter Letzt waren da auch noch die Gespräche mit meinem Vater, meinen Onkeln, meinen Tanten und meinen vietnamesischen Freunden, die den Krieg aus nächster Nähe miterlebt hatten. Wie in vielen vietnamesischen Familien gibt es auch in meiner Angehörige beider Konfliktparteien. Einige – wie mein Vater – träumten von einer Demokratie im westlichen Stil für Südvietnam. Einige Tanten und Onkel hingegen kämpften auf Seiten von Hanoi für die Befreiung Südvietnams.

Gab es damals eine Chance für Frieden in Vietnam? Oder war der Krieg unvermeidbar?

Das ist eine furchtbar schwierige Frage! Man sticht damit in ein Wespennest! Sie lässt unter den Vietnamesen beider Seiten immer noch viele Gefühle und Ärger hochkommen. Die, die den Krieg zu einem sehr hohen Preis gewonnen haben – die Kommunisten – schieben die Schuld für den Beginn der anderen Seite zu. Ihre Gegner – die Verlierer, die ebenfalls großes Leid erfuhren – machen hingegen die Kommunisten für den Krieg verantwortlich. Und schließlich gibt es da noch die Pazifisten, die der Meinung sind, dass sämtliche Kriege vermieden werden müssen oder dass zumindest der Vietnamkrieg hätte vermieden werden können.

ESKK_01War der Krieg unvermeidbar? Ich möchte einige Fragen aufwerfen und dann dazu Stellung beziehen.

Hatte Südvietnam das Recht, ein Leben unter kommunistischer Herrschaft abzulehnen? Meine Antwort ist: Ja. Leider schienen viele Menschen im Westen den Kommunismus als ideale Lösung für unterentwickelte Nationen zu betrachten, die einer Kolonialherrschaft entsprangen. In den Siebzigern sahen viele Abendländer ernsthaft zu dem großen „erleuchteten Anführer“ Mao Zedong auf! Tja … und wenn selbst gebildete Leute im Westen so einen Unsinn glaubten, hatten wir natürlich keine Chance.

War es rechtens, dass der Norden und seine kommunistischen oder linksorientierten Unterstützer im Süden 1959 das Kriegsbeil ausgruben? Ja, denn ihrer Logik der Revolution durch Gewalt folgend, sahen sich die Kommunisten im Recht und hielten ihre Ziele für legitim.

War es richtig von den USA, Südvietnam zu unterstützen? Ja, denn die Sowjetunion und China unterstützten das kommunistische Nordvietnam. Ohne äußere Hilfe hätten beide Seiten mit Stöcken und Steinen aufeinander losgehen müssen. Keine von ihnen stellte irgendeine Art von ausgefeilten Waffen her.

War Frieden möglich? Ausgehend von zwei solch gegensätzlichen Ideologien sehe ich nicht, wie sich ein Krieg hätte vermeiden lassen. Der Norden war versessen darauf, das Land unter seinem eigenen kommunistischen Banner wiederzuvereinigen. Seine Anführer hätten niemals etwas anderes akzeptiert. Das Volk hatte dabei nichts zu sagen. Es hatte bloß zu gehorchen. Je länger sich der Krieg hinzog, desto mehr Menschen flehten darum, das Morden zu beenden.

ESKK_04Zudem war das Timing für uns nicht sonderlich gut. Die 1960er und 1970er waren Jahre der politischen und sozialen Turbulenzen und Experimente. Der Westen erfuhr die „Frieden und Liebe“-Hippie-Revolution. „Make love, not war“ vertrug sich nicht gut mit dem Gedanken, den Kommunismus in Asien in Schach zu halten.

Wie war damals die Stimmung in der vietnamesischen Bevölkerung?

Natürlich sehnten wir uns im Süden nach Frieden. Doch nicht nach irgendeiner Art des früheren Friedens. Wir kannten unsere Gegner gut und waren sicher, dass der Norden – sobald die USA einen Friedensvertrag unterzeichnet und ihre Unterstützung abgezogen hätten – sofort eine neue Offensive zur Eroberung bzw. „Befreiung“ des Südens starten würde. Ohne die Hilfe der USA hätte der Süden gegen den Norden nicht lange durchgehalten.

Im Norden sehnten sich die Menschen ebenfalls nach Frieden. Für jeden unserer gefallenen Männer verloren sie fünf oder vielleicht sogar zehn. Doch dort oben war es nicht möglich, irgendwelche pazifistischen Gedanken auszusprechen. Die Führung in Hanoi war entschlossen, den Krieg bis zum Ende durchzuziehen. Selbst wenn er dreißig, fünfzig oder hundert Jahre dauern würde, so Ho Chi Minh. Und das war nicht nur ein rhetorischer Kniff!

Wenig bekannt ist die Tatsache, dass zur Zeit des Zusammenbruchs des Südens im April 1975 der Norden ebenfalls am Rande des Zusammenbruchs stand. Viele Nordvietnamesen hofften, dass das kommunistische Regime fallen würde. Außerhalb Vietnams fand das keine Erwähnung. Im Norden waren die Medien nämlich staatlich geleitet und so sickerte nur Propaganda nach draußen. Für uns war es offensichtlich, dass es sich bei den Informationen, die der Norden weitergab, um Propaganda handelte. Doch viele Menschen im Westen schienen diese Propaganda hinzunehmen.

ESKK_Star Trek02Wie ging es nach Kriegsende weiter?

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass sich im Nachkriegsvietnam leider einige Vorahnungen bestätigt haben, die wir Leute aus dem Süden über die wahre Natur des kommunistischen vietnamesischen Regimes hatten. Über eine Million frühere Soldaten und Beamte des Südens mussten kommunistische Umerziehungslager durchlaufen. Für sie alle gehörte es im sogenannten befreiten Vietnam der Jahre nach 1975 zum Alltag, ausgegrenzt zu werden. Viele entschieden sich, mit ihren Familien ins Exil zu gehen (die „Boatpeople“).

Zwischen 1975 und 1985 befand sich Vietnam an der Grenze zu einer Hungersnot. Rotchina – wie immer – zum Vorbild nehmend, beschloss die Kommunistische Partei Vietnams im Jahr 1986, die freie Marktwirtschaft einzuführen. Sie handeln nach der Devise, dass alles geht, solange sie dadurch an der Macht bleiben. In den letzten dreißig Jahren hat sich zwar die Wirtschaft entwickeln können, doch politische Freiheit gibt es nicht. Die Leute dürfen sich selbst bereichern – und gleichzeitig ihre Anführer, da Korruption weit verbreitet ist –, aber niemals das Machtmonopol der Kommunistischen Partei infrage stellen. Medizinische Versorgung und Bildung sind keinesfalls frei für alle. Und den Armen geht es nicht besser als sonst irgendwo auf der Welt. Wo ist da das sozialistische Ideal, für das so viele „Märtyrer“ ihr Leben gaben? Vierzig Jahre nach Kriegsende stellt sich beim Blick auf das heutige Vietnam die Frage: „So viel Blut wurde vergossen, um DAS zu erreichen. War es das wirklich wert?“

ESKK_Porgy and Bess02Wie beeinflussten die Erfahrungen aus Saigon Ihren Alltag nach dieser Zeit? Waren sie für das Leben in Ihrer Familie von Bedeutung?

Ich war sechs Jahre alt, als wir 1963 in England ankamen. Mein Vater war vietnamesischer Diplomat und an die südvietnamesische Botschaft in London versetzt worden. Wir Kinder verfolgten die Ereignisse in Vietnam – den Wohnzimmerkrieg! – genauestens am Fernseher, da unsere Großeltern und viele Cousins und Cousinen noch dort lebten. Wir machten uns jedes Mal große Sorgen um sie, wenn es wieder eine neue groß angelegte Offensive oder eine Reihe von Bombenangriffen gab.

Der Krieg in Vietnam spielte in meinem Leben eine Rolle, obwohl ich gleichzeitig versuchte, auf den Zug der Magical Mystery Tour aufzuspringen, der durch das London der Swinging Sixties zog. Der Krieg daheim (Vietnam war für mich genauso meine Heimat wie Frankreich oder England und ich sah als Kind sehr vietnamesisch aus) machte es manchmal schwer, mich genauso zu amüsieren und Party zu machen wie die anderen anscheinend sorglosen Londoner Kinder. Als ich 1973 sechzehn Jahre alt wurde, wusste ich, dass ich in Vietnam jetzt von der Armee hätte eingezogen werden können. Dadurch wurde die Vorstellung des Kriegs sehr real und er war mir – zumindest in meinem Kopf – immer gegenwärtig, obwohl wir uns Tausende Meilen von ihm entfernt befanden.

Seit 1991 bin ich oft nach Vietnam zurückgekehrt, um meine Familie zu besuchen. Das Land befindet sich nun unter der Herrschaft der einzig wahren Kommunistischen Partei Vietnams. Dieses Einparteiensystem hat eine 180-Grad-Wendung hin zur freien Marktwirtschaft vollzogen, wobei die KPV ruchlos ihre Taschen füllt und weiterhin die totale Kontrolle und ihr Machtmonopol behält.

U_5517_1A_EGN_SCHOENER_KLEINER_KRIEG.IND7Erscheint Ein schöner kleiner Krieg auch in Vietnam?

Nein, meine Graphic Novel kann dort nicht veröffentlicht werden. Sie stellt den Vietnamkrieg als Bürgerkrieg dar, in dem von Anfang an Vietnamesen gegen Vietnamesen kämpften. Die offizielle kommunistische Version jedoch ist, dass alle vietnamesischen Patrioten – tatsächlich sogar das gesamte vietnamesische Volk! – auf Seiten Ho Chi Minhs gestanden hätten und dass diese elenden Vietnamesen, die zusammen mit den Franzosen und später mit den Amerikanern für eine andere Art der Unabhängigkeit kämpften, entweder Söldner oder Verräter gewesen seien.

Ihr Buch erschien in Frankreich im Oktober 2012. Welche Art von Rückmeldungen haben Sie seitdem erhalten? Was haben Ihr Bruder und Ihre Schwestern dazu gesagt?

Das Buch hat mein Leben auf angenehme Weise verändert. Ich verbringe viel Zeit damit, bei Buchmessen und Festivals über den Vietnamkrieg und seine Nachwirkungen zu sprechen. Es gibt außerdem einen schönen Dokumentarfilm von Marie-Christine Courtès aus dem Jahr 2012 (Mille jours à Saigon) über die Entstehung von Ein schöner kleiner Krieg. Die Aufnahmen dazu fanden 2011 in Paris, Saint Malo und Südvietnam statt.

In Frankreich wurden über 10.000 Exemplare des Buchs verkauft. Ich hoffe, dass es irgendwann die Aufmerksamkeit eines englischsprachigen Verlags auf sich ziehen wird, da ich mich freuen würde, mit ihm auch die vietnamesischen Gemeinden in den USA, Kanada, Australien etc. zu erreichen.

Viele Menschen haben mich angesprochen und gesagt, dass Ein schöner kleiner Krieg sie an ihre eigene Jugend in Vietnam erinnert und ich damit auch ihre Geschichte erzählt hätte. Darüber bin ich sehr froh. Meine Schwestern ermutigten mich sehr, als sie das Buch gelesen hatten. Sie helfen mir nun bei der Fortsetzung, indem sie mir ihre eigenen Erinnerungen und Ansichten mitteilen.

Mein älterer Bruder Dominique Aí Mỹ starb leider im Jahr 1979. In gewisser Weise sehe ich ihn als Opfer einer der „Frieden-Liebe-Meditation“-Utopien der Siebziger. Mein Bruder war ein draufgängerischer Hippie, der oft nach Indien und Asien trampte, bis er in die Fänge der Sekte von Bhagwan Shree Rajneesh (alias Osho) im indischen Pune geriet. Ich werde seine Geschichte in Gib dem Frieden eine Chance, der Fortsetzung zu Ein schöner kleiner Krieg erzählen.

Das Interview führte Christopher Bünte.

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