Ist eine Graphic Novel ein grafischer Roman? Ein Comic für Erwachsene? Oder etwas ganz anderes? Eine eindeutige Definition gibt es bisher nicht. Wenn man versucht, den Begriff zu klären, stößt man immer wieder auf die Frage, wie man Graphic Novels und Comics unterscheiden kann. Grundsätzlich gilt: Jede Graphic Novel ist ein Comic, aber nicht jeder Comic ist eine Graphic Novel. Graphic Novels stehen also nicht in Konkurrenz zu Comics, sondern sind vielmehr eine besondere Form dieser Literaturgattung.

Wenn man über Graphic Novels spricht, kommen häufig verschiedene Aspekte ins Spiel, die diese Literaturform kennzeichnen. Ein einziger dieser Aspekte macht einen Comic noch nicht zu einer Graphic Novel, doch treffen mehrere dieser Aspekte bei einem Comic zusammen, kann von einer Graphic Novel gesprochen werden.

• Das Werk richtete sich an ein erwachsenes Publikum.
• Der Autor hat großen Einfluss auf das Werk. Der Einfluss des Verlags tritt deutlich hinter dem des Autors zurück.
• Das Werk ist nicht an ein Standardformat gebunden (z. B. an das Format der US-amerikanischen Comichefte oder der französischen Alben),
sondern weicht davon ab.

• Das Werk ist abgeschlossen.
• Das Werk ist nicht an ein Genre (wie z. B. Fantasy, Western oder Science-Fiction) gebunden, sondern es steht ein Thema im Vordergrund.
  Die Bedeutung des Begriffs Graphic Novel ist in den USA übrigens teilweise eine andere als in Deutschland.

Einige Comics haben in der Vergangenheit eine wichtige Rolle gespielt, um der Graphic Novel den Weg zu bereiten.
Zu nennen ist beispielsweise Südseeballade (1967) von Hugo Pratt, der Beginn einer Abenteuerserie um den gewieften Seefahrer Corto Maltese. Pratt entfernte sich hier vom Standartformat der franko-belgischen Alben und versuchte zum ersten Mal eine romanhaftere Erzählweise.

 

Auch die Underground Comix, die in den 1960er-Jahren in den USA veröffentlicht wurden, können als ein wichtiger Ursprung der Graphic Novels angesehen werden. Diese im Zuge der Hippiebewegung in San Francisco entstandenen Comics erschienen in selbstgedruckten Heften und wendeten sich mit politischen und gesellschaftskritischen Inhalten an erwachsene Leser. Auch autobiografische Inhalte kamen vor. Wichtige Künstler dieser Zeit waren Robert Crumb, Gilbert Shelton, Harvey Pekar oder Joyce Farmer.

Wenn es um den Ursprung der Graphic Novel geht, ist wohl Ein Vertrag mit Gott (1978) von Will Eisner das am häufigsten genannte Werk. Will Eisner schrieb den Begriff Graphic Novel zum ersten Mal auf ein Titelblatt. Er wollte damit verdeutlichen, dass es sich bei seinem Werk um Literatur im belletristischen Sinne handelte und dass es sich an eine erwachsene Leserschaft richtete.
Zuletzt ist MausDie Geschichte eines Überlebenden (1989) von Art Spiegelman zu nennen. Der Autor und Zeichner erzählt darin die Lebensgeschichte seines Vaters, der im Konzentrationslager in Ausschwitz gefangen war und den Holocaust überlebte. 1992 wurde Spiegelman für sein Werk mit dem Pulitzer Preis geehrt. Eine derartige Auszeichnung hatte es noch nie zuvor für einen Comic gegeben.
Durch Ein Vertrag mit Gott und Maus ist der Eindruck entstanden, dass Graphic Novels zwangsläufig ernst sind und ernste Themen behandeln. Inzwischen muss diese Sichtweise jedoch revidiert werden. Die Bandbreite der Themen und die Herangehensweise der Erzähler sind in Graphic Novels heute so weit gefächert wie in vielen anderen Bereichen der Belletristik.


Klassiker der Graphic Novel

Will Eisner - Vertrag mit Gott

Ein Vertrag mit Gott – Will Eisner

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Maus – Art Spiegelman

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Watchmen – Alan Moore

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Persepolis – Marjane Satrapi

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Südseebalade – Hugo Pratt

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Der Fotograf – Guibert, Lefèvre, Lemercier

Blankets

Blankets – Craig Thompson

Vertraute Fremde

Vertraute Fremde –  Jiro Taniguchi

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Jimmy Corrigan – Der klügste Junge der Welt – Chris Ware

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