Interview mit Ed Piskor zu seiner ersten Graphic Novel „Wizzywig“

Gepostet am Jul 9, 2014 in Interview, Künstler | Keine Kommentare
Interview mit Ed Piskor zu seiner ersten Graphic Novel „Wizzywig“

Beim Comic-Salon in Erlangen haben wir die Autoren, die uns dort besucht haben, interviewt. Das erste Interview, das wir euch präsentieren, ist mit Ed Piskor, dem Autor von „Wizzywig – Das Porträt eines notorischen Hackers. “
Er verrät uns, wie er die Idee zu dem Buch enwickelte und wieviel Biografisches darin steckt … und noch einiges mehr!

Dein Buch „Wizzywig“ handelt vom Thema Hacken, bzw. die frühen Jahre des Hackens. Was fasziniert dich so am Hacken? Dieses Thema hat mich schon immer interessiert. Einen Comic zu machen ist eine Form des Hackens. Was ich damit meine ist, dass die wahre  Bedeutung von Hacken die ist, gefundene Objekte zu benutzen und eine andere Verwendung dafür zu finden, als die, die ursprünglich für dieses Objekt angedacht war. Ich denke Bleistift und Papier zur Hand zu nehmen, einen Comic zu machen und einen Moment damit zu erschaffen, ist eine elegante Form des Hackens. Ich habe mich schon immer für Technik und Computer interessiert und als ich die Welt des Hackens und die der Hacker kennenlernte, konnte ich mich sofort mit den Leuten in dieser Welt identifizieren. Meine Energie  ist der Energie der Hacker sehr ähnlich, aber ich benutze meine Energie um Comics zu machen, während die Hacker dieselbe obsessive zwanghafte Energie dafür benutzen, Tastaturen zu zerschlagen und  Dinge herrauszufinden. Der „Kopfraum“, den ich mit Hackern teile ist sehr ähnlich.

Hast du jemals darüber nachgedacht, dir einen bestimmten Hacker auszusuchen und dann eine Biographie über diesen zu machen?
Ja, ganz am Anfang hatte ich vor, eine tatsächliche Biografie von einem berühmten Hacker – einer, der sich dazu bereit erklärt hätte – zu machen. Aber an diesem Punkt war „Wizzywig“ so ziemlich der erste publizierte Comic, den ich selbst geschrieben und gezeichnet habe. Was ich damit sagen will ist, ich hatte keine wirklichen Referenzen. Als ich mit  Anderen über dieses Projekt sprach, hatten diese auch nicht wirklich Vertrauen in mich, weil ich mich bis dahin noch nicht konkret beweisen konnte. Aber ich wollte ein Buch über das Hacken machen, und so habe ich letztendlich Kevin erschaffen, indem ich die Geschichten von vielen bekannten Hackern aus Amerika gesammelt habe. Während ich die Geschichten dieser Hacker studierte, habe ich festgestellt, dass viele von ihnen sich in der Art und Weise, wie sie denken und handeln, sehr ähnlich sind. Ich dachte mir, dass es eine lustige Idee wäre, all die interessanten Aspekte der einzelnen Hacker zu bündeln und einen Charakter daraus zu machen. Das war die Inspiration für die Geschichte.

Einige dieser Hacker sind zum Beispiel Kevin Poulsen oder Kevin Mitnick. Hast du diese Hacker für deine Recherche kontaktiert oder sie sogar getroffen?
Ja, aber nicht unbedingt für die Recherche. Ich habe „Wizzywig“ in einzelnen Bänden selbst publiziert. Es hat letztendlich 5 Jahre gedauert, um das ganze Buch fertigzustellen. Als ich das Buch fertig zusammengestellt hatte, habe ich jedem dieser Hacker eine Kopie davon geschickt. „Wizzywig“ wurde im Netz in der Hackerszene sehr populär. Das führte dazu, dass diese Hacker schon über das Buch Bescheid wussten, und so habe ich sie nach und nach getroffen. Was ich an „Wizzywig“ besonders mag, sind die Hacks, die ich beschreibe. Ich habe mir viel Mühe gegeben, um sicher zu gehen, dass sie akkurat sind. Die Hacker haben mir auch bestätigt, dass es genauso ist, wie ich es beschrieben habe, bis hin zu der Sache mit der falschen Identität in den USA. Ich habe einige Artikel über falsche Identitäten gelesen, die bereits 15 Jahre alt sind und Artikel und Interviews die 5 Jahre alt sind. In einem Artikel der 15 Jahre alt ist, wurde eine wichtige Information ausgelassen, die von Kevin Mitnick in einem Interview jedoch verraten wurde. In einem anderen Interview hat Mitnick selbst Informationen ausgelassen und an anderer Stelle wiederum preisgegeben. Und so habe ich mir Stück für Stück die Informationen wie ein Mosaik zusammengesucht. Dabei habe ich festgestellt, dass es heute immer noch so gemacht wird. Das wurde mir auch von Kevin Mitnick so bestätigt.

Als ich das las, dachte ich mir, das ist mal ein guter Hinweis.
Weißt du, wir haben ja alle mal schlechte Tage.


Die Geschichte von Kevin beginnt mit seiner Kindheit, in der er zwar ein cleverer und gerissener Junge war, aber doch irgendwie unschuldig und sympathisch. Wusstest du von Anfang an wie seine Geschichte laufen und enden würde?
Prinzipiell hatte ich eine Idee, wo ihn seine Reise hinführt, aber man möchte nicht zu rigide sein, denn der kreative Prozess soll auch weiterhin Spaß machen und auch spontan bleiben. Der frühe Abschnitt seines Lebens wurde durch einen Freund von mir inspiriert und auch Kevin Mitnicks Kinderstreiche, über die ich gelesen hab, spielten damit rein. Ein Hacker zu sein, ist nicht etwas, dass du bewusst wählst. Du wirst auf eine Art neugierig geboren, und es war mir wirklich wichtig, diese frühen Jahre zu zeigen. Ich wusste grundsätzlich, wo seine Reise hingeht. Ich möchte jetzt nicht zu viel verraten, aber es gibt einige Szenen mit der Hauptfigur, die darauf basieren wie glücklich oder niedergeschlagen ich mich zu diesem Zeitpunkt fühlte. So konnte die Hauptfigur nur hoffen, dass ich in einer guten Stimmung bin, falls er aus der Sache unverletzt herauskommen möchte, und so haben wir im Grunde das bekommen was wir bekommen, haben.

Das letzte Panel hat mich etwas traurig gemacht, nachdem ich Kevin auf seiner Reise begleitet habe. Warum endet das Buch so wie es endet?
Die Dinge, die Kevin passieren, beruhen auf den Erfahrungen eines sehr guten Freundes von mir. Sein Hackername ist Bernie S. Er war für anderthalb Jahre im Gefängnis wegen Hacking-Vorwürfen. Als er im Gefängnis einmal telefoniert hat, wurde er brutal zusammengeschlagen. Sein Kiefer wurde ihm dabei gebrochen. Seitdem kann er einen Arm nicht mehr richtig benutzen, weil der Arm durch diesen Typ kaputtgeschlagen wurde, und er hat jetzt eine Narbe in seinem Gesicht. Er wurde so stark verprügelt, dass er seinen Mund nicht öffnen konnte und deshalb keine Schmerztabletten nehmen konnte. Da er im Gefängnis war, haben alle angenommen, dass es um Drogen ging. Es gab auch eine Menge bürokratischer Probleme, und so lebt Bernie S. heute mit Schmerzen und einer großen Narbe. Ein kluger, neugieriger Kerl saß mit Mördern und Schwerverbrechern zusammen in einem Gefängnis. Ich sage nicht, dass Hacker nicht bestraft werden sollten, wenn sie eine Straftat begangen haben, aber es muss einen Weg geben solche Leute von Schwerverbrechern zu trennen. Es war mir wichtig, diese Problematik aufzuzeigen. Denn Bernie S. lebt jetzt mit Schmerzen und Narben, was weit über das hinausgeht, was das Gesetz als Strafe für ihn vorgesehen hatte.

Du hast bereits erwähnt, dass du Wizzywig als Webcomic angefangen hast. Hast du von Anfang an geplant, dass es auch ein Buch geben würde?„Wizzywig“ wurde wie schon erwähnt, von mir Selbst publiziert. Als als es bereits fertig war, habe ich nochmal von vorne angefangen und alles umgeschrieben und dabei die Seiten ins Netz gestellt. Es hatte im Netz bereits eine große Leserschaft. Das einzige Mal, dass ich jemals im Ausland war, war 2010 in Kopenhagen für eine Messe, weil das selbst publizierte Buch, das ich aus dem Keller im Hause meiner Mutter verkauft habe, aus welchem Grund auch immer in Skandinavien sehr populär wurde. Es gibt eine solide Hacker Community in Skandinavien und übrigens auch in Deutschland.
Das Buch hat jede Iteration durchlaufen, aber das eigentliche Buch war immer mein Ziel.

Interview mit Ed Piskor

Hat es in den kreativen Prozess beeinflusst, als du wusstest, dass es auch ein Buch werden würde?
Ja, das Schreiben war am Anfang ziemlich unreif und ich lernte während ich schrieb. Als ich anfing eine komplette Geschichte zu formen, habe ich nochmal von Vorne angefangen, weil ich das Beste aus dem Comic herausholen wollte. Es ist mein erstes eigenes Buch. Da ich jedoch vorher schon Bücher gemacht hatte, musste es so gut wie nur möglich werden.

Liest du selbst auch Webcomics oder bevorzugst du ein Buch zum Anfassen?
Ich wurde 1982 geboren und bin es nicht gewohnt, auf den Bildschirm zu schauen, aber ich verstehe, dass junge Leute in die Computerzeit hineingeboren wurden und sich diese Generation sehr wohl damit fühlt, auf einem Bildschirm zu lesen. Ich wollte das Buch also in beiden Versionen präsentieren, so dass sich jeder aussuchen kann, in welcher Art und Weise er den Comic lesen möchte. Ich bevorzuge immer noch ein tatsächliches Buch, und dabei ist es mir bei beinahe egal, ob noch irgendjemand eine Kopie davon hat, solange ich eine habe.

Wie wahrscheinlich ist es, dass wir dich hier in ein paar Jahren mit einer neuen Graphic Novel wiedersehen werden?
Es ist sehr wahrscheinlich. Ich möchte gern eine Fortsetzung zu „Wizzywig“ machen, aufgrund all der politischen Dinge, die momentan passieren. Ich denke dabei an Bradley Manning oder Edward Snowden. Es gibt sehr faszinierende Dinge im Internet, über die ich nachdenke, wie eine Sache, die sich Darknet nennt oder auch Tor. Ich weiß nicht, wie bekannt das in Deutschland ist, aber es ist sehr faszinierend. Ich lasse ein paar Jahre ins Land streichen und warte, was noch alles passiert und wo die Geschichte hingehen könnte.

Sag uns deine Meinung

Top