Interview mit Ellen Forney

Gepostet am Aug 29, 2014 in Interview, Künstler | Keine Kommentare
Interview mit Ellen Forney

Aus dem Inneren eines Tornados

Zu Beginn von „Meine Tassen im Schrank“ erfahren Sie von Ihrer Psychiaterin, dass Sie eine bipolare Störung haben. Wann war das?
Ellen Forney: Die Geschichte setzt im Jahr 1998 ein, also kurz bevor ich 30 Jahre alt wurde. Zu diesem Zeitpunkt erhielt ich die Diagnose. Von da an zeigt die Geschichte die nächsten vier Jahre. Das Ende ist dann ziemlich im „Jetzt“.

Haben Sie „Meine Tassen im Schrank“ während dieser vier Jahre gezeichnet? Oder erst danach?
Ich habe etliche Sachen in die Graphic Novel eingefügt, die in dieser Zeit entstanden sind, vor allem Zeichnungen aus meinem Sketchbook während der depressiven und der manischen Phasen. Und Zeichnungen und Textausschnitte aus meinen Tagebüchern. Es war mir wichtig, dass ich nicht einfach nur meine Geschichte nacherzähle und meine Erfahrungen wiedergebe, sondern dass auch dokumentierendes Material einfließt. Kunst ermöglicht es, Gefühle auf anschauliche Weise zu zeigen. Die Zeichnungen und Texte stammen aus den Zeiten, als ich mittendrin in diesen Stürmen war. Sie sind so etwas Ähnliches wie Fotos aus dem Inneren eines Tornados. Es ist eine Sache, so etwas im Nachhinein zu reproduzieren. Etwas zu haben, das aus dieser Zeit stammt und aus dem Bauch heraus entstanden ist, das ist etwas ganz anderes.

Meine Tassen im Schrank

Um die Metapher aufzugreifen … Konnten Sie den Sturm sehen, als Sie mittendrin waren?
Oh, der Sturm ist verwirrend! Das Zeichnen hat mir geholfen auszudrücken, wie es sich anfühlt, vollkommen überwältigt zu werden. Und das gleichzeitig zu erkennen und daraus auszusteigen. Um noch einmal auf die Analogie mit dem Tornado zurückzukommen: Es ist leichter, sich hinzusetzen und ein Foto des Sturms zu analysieren als den Tornado selbst. Schon allein das Hinsetzen und Zeichnen hatte etwas Tröstliches.

Haben Sie mit Ihrer Psychiaterin über Ihre Bilder gesprochen?
Nein, eigentlich nicht … Ich glaube, am Anfang habe ich ihr ein paar Sachen gezeigt. Ich habe sie ihr nicht absichtlich vorenthalten, es entsprach einfach nicht der Art und Weise, wie unsere Sitzungen abgelaufen sind. Vielleicht habe ich das Zeichnen und Schreiben benutzt, um für mich herauszufinden, was eigentlich mit mir los war. Es war wie eine andere Sprache.

Haben Sie ihr erzählt, dass Sie ein Buch über Ihre Erfahrungen schreiben? Oder haben Sie es jemand anderem gesagt?
Darüber habe ich mit ihr gesprochen. Aber sie wollte nicht als Quelle für allgemeine Informationen dienen, sondern hat mich stattdessen an einen anderen Psychiater, einen Kollegen, weitergeleitet. Wir haben nicht viel über mein Buch gesprochen. Es ging eher darum, was ich während des Arbeitens an der Geschichte durchmachte. All das noch einmal zu durchleben und es aus vielen Blickwinkeln zu untersuchen, noch dazu so eingehend ‒ das war emotional sehr anstrengend. Sie wollte mir vor allem als Ärztin helfen und dafür sorgen, dass ich geistig gesund blieb. Sie war besorgt um mich! Am Ende war sie auch stolz auf mich. Nachdem sie das gesagt hatte, lehnte sie sich zurück und fragte mich, ob es sich seltsam anfühlt, dass sie stolz auf mich ist. Ich glaube, dass es sich für sie selbst seltsam angefühlt hat. Und dass sie sich Sorgen gemacht hat, es könnte herablassend klingen. Aber es war gut, ich wusste, was sie meinte. Ich hatte das Gefühl, eine Schlacht überstanden zu haben, und ihre Anerkennung hat mir gutgetan. Sie wusste besser Bescheid als alle anderen.

Was für Reaktionen haben Sie bekommen, nachdem „Meine Tassen im Schrank“ veröffentlicht war?
Am meisten hat mich überrascht, wie viele andere Menschen Erfahrungen mit psychischen Krankheiten haben. Wie bereitwillig sie mir ihre Geschichten mitgeteilt haben. Ich kannte Statistiken, denen zufolge ein riesiger Anteil der Weltbevölkerung unter Depressionen leidet. Manche Studien sprechen von mindestens zehn Prozent. Das würde bedeuten, dass wir alle, ALLE, entweder selbst betroffen sind oder jemanden kennen, der es ist.

Meine Tassen im Schrank

Zehn Prozent ‒ das ist viel! Könnte es sein, dass mit unserer modernen Welt etwas nicht stimmt?
Wer weiß? Vielleicht wird diese Krankheit zu häufig diagnostiziert, oder sie wurde bisher zu selten diagnostiziert. Man kann Statistiken nur begrenzt trauen. Wer stellt die Diagnose? Wer definiert, was eine „Depression“ ist? Wer wird in die Statistik aufgenommen und wer nicht? Nachdem ich auf dem College das Fach Psychologische Statistik abgeschlossen hatte, war mein Verständnis von Mathematik gesunken, aber meine Skepsis in Bezug auf Statistiken war gestiegen.

Warum hört man normalerweise nichts über diese Krankheit?
Weil das nicht zu den Dingen zählt, über die man spricht. Solche Sachen sind irgendetwas zwischen persönlichen Angelegenheiten und einem schrecklichen Geheimnis. Aber wenn dann doch mal jemand darüber spricht (wie ich es zum Beispiel getan habe), ist es, als würden sich Schleusentore öffnen. Freunde und Fremde haben mir von ihren eigenen Erfahrungen erzählt oder geschrieben. Mir wurde klar, dass ich gar nicht verrückt oder seltsam war, sondern dass es eine ganze Menge Leute gibt, denen es so geht wie mir. Genau das sage ich immer denen, die mir dafür danken, dass ich meine Geschichte erzählt habe. Es gibt viel mehr von uns, als wir denken. Dann ist noch etwas anderes passiert, worüber ich sehr glücklich bin, weil ich es mir sehr gewünscht habe. „Meine Tassen im Schrank“ hat es nämlich in den therapeutischen Kontext geschafft! Therapeuten geben mein Buch ihren Patienten und umgekehrt. Eltern geben es ihren Kindern im Teenageralter. Ich habe auf die Informationen und Literaturhinweise achtgegeben, damit so etwas möglich werden konnte! So gesehen war es eine Art Projektarbeit, denn das Buch enthält neben meiner ach-so-menschlichen Geschichte auch etliche Seiten Anmerkungen.

Wie geht es Ihnen jetzt?
Ich bin seit Jahren stabil und kenne eine ganze Reihe von Methoden, die mir helfen, auf mich aufzupassen. Schlaf ist wichtig, Schwimmen, Yoga, meine Freunde und meine Familie, Medikamente, Termine bei meiner Psychiaterin (jetzt nur noch alle zwei Monate), das Beobachten meines emotionalen Zustands … Ich habe auch angefangen, jeden Morgen ein bisschen zu meditieren.

Meine Tassen im Schrank

Würden Sie sagen, dass sich die Art und Weise, wie Sie sich als Künstlerin ausdrücken, durch die Diagnose und die Therapie verändert hat? Am Anfang von „Meine Tassen im Schrank“ haben Sie davor Angst?
Ich würde sagen, dass die Stabilität meiner Kreativität geholfen hat. Wenn ich früher in der depressiven Phase war, war ich zu antriebslos, um irgendetwas tun zu können. Und wenn ich in der manischen Phase war, war ich zu zerstreut und zu beschäftigt. Zwischen den Episoden vergeht gewöhnlich viel Zeit. Es ist nicht so, als wäre ich entweder ganz oben oder ganz unten gewesen und dazwischen hätte es nichts gegeben. Der Teil dazwischen ist der stabile, „normale“, wenn man so will. In diesem Zustand befand ich mich die meiste Zeit. Später folgten meine Episoden dichter aufeinander. Als ich meine Diagnose bekam, waren es zwei Zyklen innerhalb von zwei Jahren. Das Bewusstsein, im stabilen Zustand am besten arbeiten zu können, hat meine Arbeit und mein Leben verändert. Ich fühle mich in diesem Zustand am besten.

Es muss schwierig sein herauszufinden, was vor sich geht, wenn die Zyklen so lang sind.
In den Jahren vor der Diagnose haben sie Monate gedauert. Wie es vorher war, kann ich nicht genau sagen. Sie waren damals weniger deutlich, oder ich war mir ihrer noch nicht bewusst genug, um sie erkennen zu können. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht genau, wie lang eine Episode im Durchschnitt ist. Ich denke, sie ist immer schwer zu erkennen. Wenn man mittendrin ist, fühlt es sich an, als wäre es die Realität.

Sie sind Lehrerin am Cornish College of the Arts in Seattle. Sprechen Sie mit Ihren Studenten über Ihr Buch? Würden Sie ihnen empfehlen, selbst über persönliche Erfahrungen zu schreiben?
Ich spreche ein bisschen über mein Buch, aber meistens geht es um das, was ich über Storytelling und verschiedene Konzepte und Techniken gelernt habe. Ich bemühe mich, als Lehrerin meine Werke nur begrenzt einzubringen, denn ich möchte, dass die Studenten ihren eigenen Weg finden. Im letzten Semester haben sich allerdings ein paar Studenten aus meiner Klasse von ganz allein dafür entschieden, einen autobiografischen Comic zu machen. Die Studenten erforschen ihre persönlichen Erfahrungen in vielen Klassen, nicht nur bei mir. Es ist eine Kunstschule!

Das Gespräch führte Christopher Bünte.

© 2014 Egmont Graphic Novel

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