Interview mit Sarah Barczyk

Gepostet am Apr 23, 2016 in Künstler | Keine Kommentare
Interview mit Sarah Barczyk

Sarah Barczyk im Gespräch

 

Wieso hast du dich für dein Graphic-Novel-Debüt für das Thema Transsexualität entschieden?

Vor einiger Zeit lernte ich einen Transmann kennen und stellte durch diese Bekanntschaft fest, wie wenig ich eigentlich über das Thema wusste. Durch die persönlichen Gespräche mit ihm und später auch mit anderen Transmännern gewann ich erstmals einen tieferen Einblick in das alltägliche Trans-Leben und die damit verbundenen Probleme. Das Thema der Geschlechtsidentität war weitaus komplizierter und individueller, als mir bewusst war und es in den sachlich-medizinisch ausgerichteten Büchern, die ich parallel las, geschildert wurde. Die Auseinandersetzung mit dem Thema fand also zuerst auf persönlicher Ebene statt, und viele persönliche Begebenheiten sind auch in den Comic eingeflossen. Da ungefähr zur selben Zeit der 2. Comic-Wettbewerb zum Thema „Grenzenlos“ ausgerufen war, entschloss ich mich, „Nenn mich Kai“, wo eben die klassischen Grenzen zwischen Mann und Frau aufgelöst sind, zu schreiben und einzureichen.

Du gehst das Thema auffallend unaufgeregt an, exemplarisch sei hier die Szene genannt, in der Andrea mit ihrem besten Freund Marko über ihr bzw. sein wirkliches Geschlecht spricht und wie dieser darauf reagiert. War es nicht verlockend, da allgemein viel mehr Drama und Tränen reinzubringen?

Mein Ansatz war, die Geschichte eher locker und mit einer positiven Grundstimmung zu schreiben, dass es trotz Rückschlägen und Tiefs möglich ist, seinen Weg zu gehen. Besonders die Leser, die sich vielleicht das erste Mal genauer mit diesem Thema beschäftigen, sollte der Comic nicht abschrecken. Leider gibt es viele reale Schicksale, die sehr traurig verlaufen, angefangen damit, dass Menschen ihre Freunde verlieren, von der Familie verstoßen werden, Mobbing auf der Arbeit erfahren, bis dahin, dass sie ein Ende in Alkohol- und Drogensucht oder Suizid finden. Für meine Figur habe ich mich allerdings bewusst gegen solch einen Lebenslauf entschieden.

Im Comic verwenden die Figuren meist den Ausdruck „transsexuell“ in Bezug auf Andrea. Sie sagt aber auch mal, sie sei transgender. Das mag Außenstehende etwas verwirren. Kannst du den Lesern erklären, wie deckungsgleich diese Begriffe sind?

Transsexuell bedeutet, sich dem körperlich entgegengesetzten Geschlecht zugehörig zu fühlen und auch eine geschlechtsangleichende Maßnahme anzustreben, und deutet, nebenbei bemerkt, nicht auf die sexuelle Orientierung hin, wie die Ähnlichkeit mit Begriffen wie Homosexualität oder Bisexualität suggeriert. Transgender hingegen bezieht sich eher darauf, die durch das biologische Geschlecht zugewiesene Geschlechterrolle nicht zu akzeptieren. Da es aber noch weitere Definitionen von Transgender und Transsexualität gibt sowie noch weitere verwandte Begriffe, wie z.B. Transidentität, sollte man am besten einfach die betroffenen Personen fragen, welche Bezeichnung sie bevorzugen und wie sie angesprochen werden möchten.

Verfolgst du, seitdem du dich mit dem Thema beschäftigst, auch die politischen Entwicklungen um die Rechte von Transsexuellen?

Politische Entwicklungen bekomme ich eher nebenbei mit, ich bin aber nicht aktiv dabei. Trotzdem ist es immer schön zu sehen, wenn sich etwas positiv verändert.

In einigen Bundesländern bemüht man sich in letzter Zeit darum, eine bessere Aufklärung bezüglich sexueller Vielfalt in Schulen zu leisten. Den Politikern und Pädagogen schlägt aber Gegenwind von einer sehr lautstarken Gruppe von Aufklärungsgegnern entgegen, die unter anderem die „Demo für Alle“ in Stuttgart organisieren. Was glaubst du, warum diese Menschen so eine Angst vor Themen wie Trans- und Homosexualität haben?

Angst trifft es. Ich kann es mir nur durch ein strenges, traditionell christlich-konservatives Weltbild erklären, ein Bild von „Vater, Mutter, Kind“, das jeder Andersartigkeit mit Ablehnung und Angst begegnet. Völlig abstruse Fehlinformationen werden da verbreitet und Vorurteile untermauert, die die Angst und den Hass noch weiter schüren. Homosexualität ist dort oft mit Pädophilie gleichgesetzt, Akzeptanz von anderen Lebensweisen wird als sexuelle Umprogrammierung verstanden, und es existieren noch weitere verworrene Vorstellungen. Aber mit diesem gemeinsamen Feindbild der sexuellen Minderheiten kann man dann wunderbar seine Gruppenzugehörigkeit stärken und von den eigenen Fehlern ablenken. Eine heterosexuelle, christliche Ehe ist kein Garant für das Wohl des Kindes.

Die Zeichnerin Martina Schradi zieht mit ihrem LGBTI*-Aufklärungs-Comicprojekt „Ach, so ist das?!“ durch Bildungseinrichtungen. Kannst du dir vorstellen, dass „Nenn mich Kai“ im Schulunterricht verwendet wird?

Ich kann mir vorstellen, dass „Nenn mich Kai“ auch im Unterricht verwendet wird, allerdings anders als „Ach, so ist das?!“, wo ein umfangreiches Konzept dahintersteht, das alle Facetten der LGBTI* aufgreift. Aber es würde mich natürlich sehr freuen, wenn „Nenn mich Kai“ im Sinne der Aufklärung auch in Schulen oder anderen Bildungseinrichtungen besprochen wird. Ich denke, Comics bieten generell eine gute Möglichkeit, ungezwungen an dieses und auch andere Themen heranzugehen.

*) LGBTI: Lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle und intersexuelle Menschen. 

Andrea – oder sagen wir lieber Kai – ist leidenschaftlicher Videogamer und besucht in der Geschichte die Spielemesse Gamescom. Ist das auch eins deiner Hobbys?

Ja, ist es. Ich bin zwar bei Weitem kein Hardcore-Gamer, aber spiele schon regelmäßig und gerne, deswegen sind auch ein paar Computerspielfiguren in die Panels mit eingearbeitet. Vielleicht erkennt sie der ein oder andere. Auf der Gamescom selbst war ich bisher zweimal, und es hat beide Male sehr viel Spaß gemacht. Wenn es klappt, bin ich dieses Jahr auch wieder dabei.

Wie hast du den Stil für deinen Comic gefunden? Ich musste, wohl wegen der stilisierten Gesichter der Figuren mit den großen Augen, ein wenig an „Scott Pilgrim“ denken …

Der „Scott Pilgrim“-Vergleich wurde schon mehrmals angestellt, zu meiner Schande muss ich aber gestehen, dass ich „Scott Pilgrim“ (noch) nicht gelesen habe. Also diente er auch nicht als Vorbild. Ich probiere immer viel aus, was Stile anbelangt. Große Augen zeichne ich schon oft, aber würde ich „Nenn mich Kai“ jetzt zeichnen, hätten vermutlich alle Figuren kleine Pünktchen-Augen, die zeichne ich nämlich im Moment recht gerne.

Wie hat sich dein Zeichenstil entwickelt? Woher ziehst du Inspiration?

Durch Ausprobieren, denke ich. Angefangen hat es als Jugendliche mit einer Überdosis Tim Burton, aber dann habe ich langsam meine Nase auch mal in andere Genres gesteckt. Ich bin aber immer noch auf der Suche nach einem eigenen Stil, mit dem ich zufrieden bin. Inspiration bekomme ich oft durch andere Künstler, diverse Themen, für die ich mich gerade interessiere, oder einfach durch reale Begebenheiten. Um ein Beispiel zu nennen: Mein Interesse liegt zurzeit eher abseits vom Comic, im Bereich Concept-Art für Filme und Computerspiele, und thematisch beschäftige ich mich stark mit indigenen Völkern, Volkskunst und Schamanismus. Daraus ziehe ich gerade meine Inspiration.

Welche Comics und Comickünstler gefielen dir in letzter Zeit gut?

In letzter Zeit habe ich mich viel mit den Mumins von Tove Jansson beschäftigt, wobei den meisten wohl weniger die Comics als die darauf basierende Zeichentrickserie bekannt ist. Die oft bedrückende und morbide Welt der Mumins finde ich faszinierend. Und um gleich in Finnland zu bleiben, muss ich noch den Comic „Perkeros“ von JP Ahonen und KP Alare erwähnen, den ich allein schon aufgrund des tollen Artworks empfehlen kann!

Am Ende von „Nenn mich Kai“ bleibt das Gefühl, dass es noch einiges zu Kai und seinem neuen Leben als Transmann zu erzählen gibt. Planst du, noch einen Blick auf seinen weiteren Weg in Comicform zu werfen?

Ja, ich könnte sicher noch mehr über Kai erzählen. Zum Beispiel, wie toll es ist, jetzt auf dem Bauch schlafen zu können, ohne störende Brust im Weg. Aber ob es eine Fortsetzung geben wird, ist zurzeit noch offen. Zunächst wird es spannend werden, die ersten Rückmeldungen zu „Nenn mich Kai“ zu erhalten.

Was zeichnest du, wenn es nicht gerade Graphic Novels für Egmont sind?

An meinem Webcomic zeichne ich zurzeit viel und übe überwiegend, mit Licht und Farbe zu malen. Eine schöne Abwechslung zu meinen schwarz-weißen Comics.

Gibt es ein nächstes Comicprojekt von dir?

Ich habe besagten Webcomic, „Pooka’s Reise“, der sehr lange Zeit brachlag, endlich wieder aufgegriffen und setze ihn fort. Er handelt von Pooka, der in ein tiefes Loch fällt und trotz aller Hindernisse und den Monstern, die ihn verfolgen, seine Reise aus dem Loch hinaus Richtung Horizont beginnt – was übertragen für den Versuch steht, aus einer depressiven Erkrankung herauszukommen.

Das Gespräch führte Andreas Völlinger.

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