Joseph Lambert im Interview

Gepostet am Jun 9, 2015 in Interview, Künstler | Keine Kommentare
Joseph Lambert im Interview

Im Juni 2015 erscheint bei Egmont Graphic Novel „Sprechende Hände“, die berührende Biografie der taubblinden Helen Keller, einer Ikone der Sonderpädagogik. Wir haben uns vorab mit dem US-amerikanischen Autoren und Zeichner Joseph Lambert über die Entstehung seines Buches unterhalten.

Lambert_Joseph_c_2012_Peggy_BurnsHelen Keller ist ziemlich bekannt im Zusammenhang mit der Geschichte von Bildung und Pädagogik. Was war Ihre persönliche Motivation, dieses Buch zu machen? Woher kam die Idee dazu?

Mein Großvater war Bühnenbildner am Theater. Als Jugendlicher arbeitete ich den Sommer über immer für ihn, half ihm, einzelne Bühnenteile zu bauen und Kulissen zu malen. Ein Stück, an dem wir arbeiteten, war „The Miracle Worker“ („Licht im Dunkel“) von William Gibson, das auf Helen Kellers Autobiografie basiert. Ich verinnerlichte die Geschichte also, als ich noch ziemlich jung war, und hatte sie jahrelang im Hinterkopf.

Meine Absicht war, diese berühmten Figuren menschlich zu machen.

Jahre später, als ich am Center for Cartoon Studies studierte (2006-2008), wurde ich gebeten, etwas zu einer Reihe von Biografien historischer Persönlichkeiten der USA beizutragen. Man schlug mir vor, eine Frau auszuwählen, weil die anderen Porträtierten alle Männer gewesen waren. Helen Kellers Name fiel relativ früh, und ich fand es spannend und herausfordernd, ihre Erfahrungen in einem visuellen Medium darzustellen.

Der erste Teil Ihres Buches ist durch den Film wahrscheinlich recht bekannt. Es gibt jedoch noch einen zweiten Teil, der ein neues Licht auf den ersten wirft, sodass es fast scheint, als würde die Geschichte dadurch eine ganz andere. Wollen Sie mit Ihrem Buch eine bestimmte Botschaft vermitteln?

egmont_beitragsbild_sprechende-haendeDer erste Teil der Geschichte, auf den sich auch das Theaterstück und der Film beziehen, zeigt das meiste dessen, was über die beiden Frauen bekannt ist: Ihr Ruhm und ihr Vermächtnis liegen in diesem triumphalen ersten Kapitel begründet. Als ich begann, an dem Buch zu arbeiten, nachdem ich den Film „The Miracle Worker“ in allen drei Versionen gesehen und Helen Kellers Autobiografie gelesen hatte, erschien mir beides zu blumig, zu verklärt, fast wie ein Märchen. Erst als ich auch etwas über Annies Leben, über ihre turbulente Jugend, las, fand ich einen Zugang zu diesen beiden Frauen und ihrer Welt und konnte mich in sie hineinversetzen.

Meine Absicht war also, diese berühmten Figuren menschlich zu machen und zu zeigen, dass es auch nach ihrem phänomenalen kommunikativen Durchbruch eine Menge Schwierigkeiten und Enttäuschungen gab.

Helen Keller lebte vor hundert Jahren und galt als eine Art Genie. Glauben Sie, unser heutiges Bildungssystem ist besser darauf vorbereitet, außergewöhnliche Talente zu entdecken und zu unterstützen?

Interessante Frage. Ich denke schon. Ich würde gerne glauben, dass die Antwort Ja lautet, aber ich bin mir nicht sicher. Im Großen und Ganzen sind wir heute schon besser darauf eingerichtet, Talente zu erkennen, aber es gibt immer noch Kinder, die durchs Raster fallen. Das Problem ist, dass wir alle verschieden sind. Annie hat davon profitiert, dass sie ständig mit Helen zu tun hatte. Helen war ihre einzige Schülerin, daher konnte Annie ihre gesamte Zeit und Energie darauf verwenden, Helens spezielle Art zu lernen zu verstehen. Das ist natürlich nicht bei jedem Kind möglich.

HelenKeller01Beherrschen Sie selbst Gebärdensprache?

Nein. Während ich an dem Buch arbeitete, konnte ich eine Zeit lang fast das gesamte Alphabet auswendig. Aber mein Gedächtnis ist generell ziemlich schlecht, und nachdem ich mit dem Buch fertig war, habe ich das meiste wieder vergessen.

Für die deutsche Ausgabe von „Annie Sullivan and the Trials of Helen Keller“ zeichnen Sie die Hände der Figuren neu, damit die Gebärdensprache auch für das deutsche Publikum Sinn ergibt. In wie viele Sprachen wird das Buch übersetzt? Wie oft mussten Sie bislang neue Hände zeichnen?

Englisch (die Originalausgabe), Französisch, Deutsch und Niederländisch (das steht noch aus). Ich glaube, es wird auch über eine spanische Version verhandelt, bin mir aber nicht ganz sicher.

Sie haben Ihren Abschluss am Center for Cartoon Studies gemacht und „Annie Sullivan“ war Ihr erstes Buch. Sie haben den Eisner Award gewonnen und waren für den Prix Angoulême nominiert. Was kommt als Nächstes? Sitzen Sie bereits an etwas Neuem?

Vielen Dank. Ich fühle mich immer wieder aufs Neue geehrt und überwältigt angesichts der Rezeption dieses Buches.

Vor „Annie Sullivan“ habe ich bereits ein Buch veröffentlicht, es war eine Studienarbeit, eine Sammlung von Kurzgeschichten mit dem Titel „I Will Bite You! and Other Stories“, auf Englisch bei Secret Acres und auf Französisch bei Alter Comics („Je vais te mordre“) erschienen.

Zurzeit arbeite ich an einer Handvoll verschiedener Dinge, aber davon ist noch nichts spruchreif. Auf jeden Fall sind einige Kinderbücher dabei und vielleicht etwas Autobiografisches. Ich beschäftige mich in meiner Arbeit gerne mit Geschwistern und Familien, also wird das nächste Projekt sich wohl in der ein oder anderen Form damit auseinandersetzen.

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