Marcin Podolec im Gespräch

Gepostet am Jan 21, 2016 in Interview | Keine Kommentare
Marcin Podolec im Gespräch

Warum hast du dem Fugazi Music Club einen Comic gewidmet? Hattest du das schon lange geplant?

Nicht wirklich. Ich war auf der Suche nach einem Musikthema für einen Comic, zuerst dachte ich über eine Art grafisches Interview mit ein paar Musikern nach. Aber als ich mit ihren Managern sprach, gab es zu viele Hürden, sowohl finanzielle als auch was Urheberrechte anging.

Marcin Podolec (c) Wiktoria Nowak

Marcin Podolec
Foto: (c) Wiktoria Nowak

Sie waren von der Idee also nicht angetan?

Die Musiker hatten wirklich Lust drauf, aber sie hatten halt Manager und die wollten eine Stange Geld von uns. Dabei kann man in Polen kaum vom Comicmachen leben, so populär sind Comics hier nicht. Also wurde nichts daraus. Aber Szymon Holcman, mein Verleger bei Kultura Gniewu, wusste, dass ich nach einem musikbezogenen Thema suchte. Eines Abends im Januar rief er mich an und fragte: „Kennst du Waldek Czapski vom Fugazi Music Club?“ Und ich sagte: „Nö, kenn ich nicht, interessiert mich nicht.“ Die schräge Sache dabei: In diesem Moment schaute ich mir gerade „Reservoir Dogs“ von Tarantino an, mit Steve Buscemi und so weiter … Jedenfalls lief der gerade, als Szymon am Telefon sagte: „Die Geschichte, von der ich spreche, würde so beginnen: Da sitzen ein paar Kerle in einem Auto und beratschlagen, ob sie jemanden umlegen sollen oder nicht.“

So beginnt jetzt dein Comic …

Das war so nah am Film dran, das war für mich einfach ein gutes Zeichen. Vielleicht war dieser Stoff doch etwas für mich. Also traf ich mich mit Waldek Czapski und wir unterhielten uns für ein, zwei Stunden – und dann entschied ich mich, den Comic zu machen. Wir trafen uns im Anschluss mehrmals in Warschau, und Waldek kam auch zu Besuch nach Łódź, wo ich lebe. Wir redeten viel, und er zeigte mir alte Fotos. Er hatte eine Kunsthochschule besucht, also konnte er auch ein paar Sachen für mich zeichnen, zum Beispiel Gebäudepläne.

Der Gebäudeplan, der nun Teil des Buchs ist?

Genau. Aber das ist meine Zeichnung, basierend auf Waldeks. Ich habe unsere Gespräche aufgezeichnet und gleichzeitig am Laptop Ideen für Überschriften und Kernsätze notiert. Waldek erstellte mir einen Zeitplan der Ereignisse im Club. Wann er eröffnet und wann er geschlossen wurde …

Hatte er das alles noch im Kopf? Es war schließlich eine ganze Weile her …

Bereits ein Jahr bevor wir uns trafen hatte er damit begonnen, alte Fotos einzuscannen und Bilder von anderen Leuten aus dieser Zeit zusammenzutragen. Er startete eine Facebook-Seite, um mit den Leuten von damals in Kontakt zu kommen. Und er begann, ein Blog zu schreiben, in dem er seine Erinnerungen ans Fugazi sammelte. Der erste Teil des Buchs basiert daher auf seinen Texten und der zweite ist meine Interpretation seines Sprach- und Erzählstils.

EGN_FUGAZI_MUSIC_CLUB

Er ist noch immer vom Fugazi besessen. Für diesen Club hat er 25 Jahre gelebt und ihn kürzlich wiedereröffnet. Das ist sein Baby. Waldek lebt noch immer in den Neunzigern. Zum 20. Jubiläum des Fugazi hat er versucht, ein Festival auf die Beine zu stellen, aber das hat nicht hingehauen … weil sich die Zeiten nun mal geändert haben. Heute muss man sich mit Leuten von der Stadtverwaltung herumschlagen und mit den Managern der Musiker. 1992 hat er sie einfach direkt gefragt: „Hey, möchtet ihr in unserem Club spielen? Wir haben kein Geld, aber es gibt Freibier.“ Und sie sagten „Oh, Bier, wir sind dabei!“

Also war Geld nicht so wichtig, als das Fugazi aufmachte?

War es nicht, nein. Das war kurz nachdem der Eiserne Vorhang gefallen war, eine neue Zeit voller verrückter Möglichkeiten. Jeder durfte die Wände im Fugazi bemalen, und jeder konnte einfach dort pennen. Es gab da einen Typen, der hereinspazierte und so was sagte wie: „Fuck! Ich liebe diesen Ort, ich werd nie wieder gehen!“ Und die Betreiber sagten: „Okay, dann wirst du unser Barmann.“ Und es gab Drogen, massig Drogen, und es roch ziemlich übel. Waldek wollte nicht mit allem herausrücken, aber junge Leute konnten an diesem Ort einfach alles machen und ausprobieren. Es war ziemlich bunt und laut und gefährlich zugleich.

Während Waldek sich mit Fugazi bestens auskennt, bist du hingegen von außen an die Sache herangegangen …

Genaugenommen gab es zwei Versionen des Fugazi. Die erste entstand 1990 im lokalen Kulturverein in nur zwei Räumen – in einem wurde Tischtennis gespielt und im anderen wurden Cola und Donuts verkauft. Dieses Fugazi wurde jedoch wieder geschlossen, weil den Erwachsenen im Kulturverein die Jugendlichen auf die Nerven gingen. Die zweite Version – der eigentliche Fugazi Music Club – wurde aus dieser Enttäuschung heraus gegründet. Die Jugendlichen suchten nach einem Ort zum Musikmachen, um Freunde zu treffen und für ihre Kunst. Ich wurde 1991 geboren, in dem Jahr, in dem Waldek diesen Club eröffnete. Ich bin also völlig außen vor.

Als du mit Waldek darüber gesprochen hast, was war dein Eindruck vom Fugazi? Ein völlig verrückter Ort oder bunt und kreativ?

Waldeks Sicht aufs Ganze ist eher schwarz-weiß in dem Sinne, dass alles dort großartig lief und seine Träume schließlich von dunklen Mächten zerstört wurden. Er ist in seinen Geschichten immer der Held mit der Vision und das Fugazi ein herrlicher Ort – was es bestimmt auch war. Aber es gab auch Drogen und Liebesdramen, da experimentierten schließlich junge Leute zum ersten Mal ohne Aufsicht an sich herum. Ich denke, auf gewisse Art hatte es auch etwas Negatives. Es gab überhaupt keine Grenzen und Regeln, keine Kontrolle. Das war für diese Kids nach dem Ende des Kommunismus wahrscheinlich echt wichtig. Sie brauchten einen Raum wie diesen. Heutzutage jedoch kann ein Ort wie das Fugazi meiner Meinung nach nicht existieren, weil die Zeiten sich zu sehr geändert haben. Aber Waldek will das nicht akzeptieren und versucht, es wieder wie früher aufzubauen. Ich mache mir Sorgen um ihn. Er steckt sein komplettes Geld hinein.

Wenn du außerhalb von Warschau mit Leuten um die dreißig oder vierzig sprichst, die in dieser Zeit aufwuchsen, und den Fugazi Music Club erwähnst, wissen sie, wovon du sprichst? War der Club über die Grenzen der Stadt hinaus legendär?

Meine älteren Schwestern zum Beispiel kannten das Fugazi nicht. Meine Familie kommt nicht aus Warschau, sondern aus dem Südosten Polens, nahe der Ukraine – weit, weit weg von der Hauptstadt. Aber in Onlinekommentaren zum Buch melden sich viele Leute von außerhalb Warschaus, die sich ans Fugazi erinnern.

Schließlich sind ja auch viele der Bands, die damals im Fugazi spielten, immer noch populär.

Damals spielten sie für nichts, für ein Bier und Spaß, und jetzt muss man Tausende von Złotys lockermachen, um sie zu buchen. Aber im kürzlich neu eröffneten Fugazi hat immerhin schon Kult (eine bekannte polnische Rockband, Anm. d. Red.) gespielt, die schon früher dort auftraten. Ich glaube, Waldek hat es drauf, derartige Musiker wieder ins Fugazi zu locken. Ich habe in meiner Schulzeit viel Musik von älteren Bands wie dieser gehört und wusste daher meistens, wovon Waldek sprach. Er war dann immer ziemlich überrascht, wenn ich einen Song sogar vom Text her kannte.

Das Interview führte Christopher Bünte.


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