Mary und Bryan Talbot im Gespräch

Gepostet am Dez 10, 2015 in Interview, Künstler | Keine Kommentare
Mary und Bryan Talbot im Gespräch

Am 3. Dezember 2015 erscheint bei Egmont Graphic Novel „Votes for Women„, ein historischer Comic über die Suffragetten-Bewegung in Großbritannien Ende des 19. Jahrhunderts. Andreas Völlinger hat sich für uns mit den Autoren Mary und Bryan Talbot unterhalten. 

Talbot_Bryan_Mary_c_Sunderland_Echo_1cMary, wann hast du dich erstmals näher mit der „Votes for Women”-Kampagne befasst?

Mary: Ursprünglich wurde ich durch einen Vortrag über das Merchandising der Women’s Social and Political Union auf das Thema aufmerksam. Das war vor langer Zeit auf einer Tagung in Southampton, auf der es um Frauen und Konsumkultur ging. Ich bearbeitete danach eine Reihe von Beiträgen für einen Tagungsband dazu, aber leider war dieser Text  nicht darunter. Erst viele Jahre später habe ich mich näher mit der „Votes for Women“-Bewegung beschäftigt. Nachdem ich 2010 mit dem Script für meinen ersten Comic „Dotter of her Father’s Eyes” fertig geworden war, habe ich sofort damit angefangen, nach einem neuen, tiefgreifenden Thema zu suchen. Mir fiel auf, wie wenig ich über den Feminismus des späten Viktorianisch-Edwardianischen Zeitalters wusste, und ich begann, mehr darüber zu lesen.

Wann und warum hast du dich dann entschieden, darüber einen Comic zu machen?

Mary: Das war für mich von Anfang an klar. Comics sind ein exzellentes Medium, um komplexe Stoffe leicht zugänglich zu vermitteln. Ich wollte über dieses Thema schreiben, weil Menschen nun mal vergessen und Geschichten wieder neu erzählt werden müssen. Wir brauchen Erinnerungen daran, was in der Vergangenheit erreicht wurde und wie fragil diese Errungenschaften sind. Die Menschen in Großbritannien sind auf deprimierende Art von der Politik entfremdet und zynisch, besonders die jüngeren.

Deine Hauptfigur, das Dienstmädchen Sally Heathcote, ist eine fiktionale Figur. Warum hast du dich dafür entschieden, eine Protagonistin zu erfinden, anstatt eine der vielen real existierenden Aktivistinnen zu verwenden, die im Buch auftauchen?

Mary: Mit einer fiktionalen Figur hatte ich mehr Freiheiten, um den geschichtlichen Hintergrund zu erforschen, als wenn ich mich auf eine historische Person und deren Biografie beschränkt hätte. Das machte es auch leichter, eine packende, fokussierte Geschichte zu erzählen. Ich musste schließlich die Edwardianische Frauenbewegung in ihrer ganzen Vielfalt darstellen. Und die hatte es in sich! Der Kampf um Gleichberechtigung verlief quer durch alle sozialen Klassen und über politische Grenzen hinweg – es war nicht nur Sache der Mittelklasse. Ich wollte dieses Ausmaß widerspiegeln. Ich wollte außerdem deutlich machen, warum diese Rechte so dringend nötig waren. Und da kommt Sally ins Spiel, eine fiktive Figur aus der Unterschicht. Anfangs ist sie noch Beobachterin, wird dann aber in den Strudel der historischen Ereignisse hineingesogen. Wir erleben ihre Arbeitsbedingungen und die Misshandlungen, denen sie ausgesetzt ist. Wir sind ganz nah an ihrem Kampf ums Überleben dran.

U_5527_1A_EGN_VOTES_FOR_WOMEN.IND7Nicht alle Aktivistinnen im Buch erscheinen als reine Heldinnen: Du stellst Emmeline Pankhurst, die Gründerin der Women’s Social and Political Union (WSPU) und wahrscheinlich bekannteste Persönlichkeit der britischen Suffragetten-Bewegung, als zwiespältige und teils sogar antagonistische Figur dar. Ich nehme an, das basiert auf deinen Recherchen und dient nicht nur dramatischen Zwecken?

Mary: Als ich mich näher mit dem Thema befasste, änderte sich meine ursprüngliche Meinung zu Emmeline Pankhurst stark. Sie war eine unglaubliche Person, aber es war schockierend herauszufinden, wie skrupellos sie wurde. Ich war selbst recht überrascht darüber, wie meine Sympathie weg von ihr und zu den weniger bekannten Persönlichkeiten wanderte, über die ich nun mehr erfuhr. Ich wollte thematisieren, wie mies sie mit Fred und Emmeline Pethick-Lawrence umgegangen war. Die beiden waren das finanzielle und organisatorische Rückgrat der Women‘s Social and Political Union. Die Geschichte beginnt daher mit einem einschneidenden Ereignis 1912, als Mrs Pankhurst die beiden aus der Organisation wirft. Das war ein großer Bruch in der WSPU-Führung.

Sally gerät an eine radikale Gruppe namens Young Hot Bloods. Ich war überrascht zu lesen, dass die „Votes for Women”-Bewegung auch eine militante Fraktion hatte, die Kunstwerke zerstörte, Schaufensterscheiben einwarf und sogar leerstehende Häuser von Politikern in die Luft sprengte. Half das der Bewegung, Presse zu bekommen und Druck auf die Regierung auszuüben? Oder schadete es ihrer Sache eher?

Mary: Ich glaube, die Eskalation der Gewalt kostete sie letztendlich die öffentliche Unterstützung, die sie bereits gewonnen hatten. Anfangs verschaffte es ihnen noch die dringend nötige Aufmerksamkeit, aber ich stimme mit Emmeline Pethick-Lawrence darin überein, dass die bürgerkriegsähnlichen Zustände, die am Ende herrschten, ein taktisches Desaster waren.

Ich war auch geschockt vom Maß der Gewalt, welche die Regierung gegen die Aktivistinnen einsetzte: Die Polizisten, die gezielt ganze Gruppen von Demonstrantinnen zusammenschlugen, und die grausame Zwangsernährung der eingesperrten Aktivistinnen. Aber nach Lektüre eures Buchs habe ich das Gefühl, dass dies die Bewegung eher stärkte, als sie zu demoralisieren – ist das richtig?

Mary: Ich finde, dass es sie radikalisierte. Gewalt erzeugt immer Gewalt. Das birgt meiner Meinung nach auch heute noch eine wichtige Resonanz für uns.

VfW_02Die ausführlichen Anmerkungen und aufgelisteten Quellen zeugen von deiner intensiven Recherche für die Geschichte. Wie lange hast du insgesamt am Buch gearbeitet?

Mary: Ich begann mit meinen Nachforschungen im September 2010. Das komplette Skript hatte ich ungefähr im Mai 2012 vorliegen. Während Bryan und Kate dann an der zeichnerischen Umsetzung arbeiteten, stellte ich die Anmerkungen zusammen und suchte visuelles Referenzmaterial und so weiter.

Hast du Feedback von jüngeren Leserinnen bekommen? Hattest du die Chance, das Buch mit jungen Leuten zu diskutieren?

Mary: Wir haben eine ganze Menge begeisterte Rückmeldungen von jungen Frauen und Mädchen bekommen. Auch von Rotschöpfen! (Die Hauptfigur Sally Heathcote ist rothaarig, Anm. d. Red.) Sie waren meist sehr angetan davon, wie die Graphic Novel so viele historische Details auf solch gut lesbare und zugängliche Art präsentiert, und das mit einer starken Protagonistin, mit der sie sich identifizieren können.

Wie ist deine Meinung zum gegenwärtigen Stand der Gleichberechtigung in Großbritannien? Was sind momentan die größten Herausforderungen?

Mary: Die momentan größte Herausforderung ist wohl die Sparpolitik der Regierung. Es gab gewaltige Kürzungen in den kommunalen Haushalten, und diese treffen Frauen besonders schwer. Berufstätige Frauen sind am stärksten betroffen, weil die Kürzungen unverhältnismäßig stark den öffentlichen Bereich, TeilzeitarbeiterInnen und die untersten Einkommensklassen betreffen. Außerdem sind die Statistiken zu männlicher Gewalt gegen Frauen und Mädchen erschreckend. Es hilft also überhaupt nicht, wenn Hilfseinrichtungen für die Opfer dieser Gewalt im Zuge der Sparmaßnahmen zusammengestrichen werden.

VfW_01Frauen besetzen weniger als ein Drittel der einflussreichsten Führungspositionen in Wirtschaft und Politik in Großbritannien. Denkst du, das wird sich in absehbarer Zukunft von selbst ändern? Oder ist eine gesetzliche Quote für Frauen nötig, wie sie in Deutschland immerhin teilweise eingeführt wurde?

Mary: Es ist gut zu hören, dass Deutschland entschieden hat, Quoten einzuführen. Großbritannien sollte das genauso machen.

Welche politischen und sozialen Bewegungen in Großbritannien oder Europa sind deiner Meinung nach aktuell am wichtigsten?

Mary: Da sind so viele! Auf jeden Fall müssen wir unbedingt TTIP stoppen.

Im Comicgeschäft bist du eine Spätzünderin. Ich vermute, dass die Ehe mit einem Comickünstler dich inspiriert hat, Graphic Novels über Themen zu schreiben, die dir am Herzen liegen. Was magst du am Comicmedium? Warum hast du dich dafür entschieden anstatt für Romane?

Mary: Ich liebe die Möglichkeiten des Mediums. Es macht mir Spaß, zu schreiben und dabei die zusätzliche visuelle Dimension im Kopf zu haben. Die Kombination von Worten und Bildern ist hervorragend, um Ideen und Gefühle in Verbindung miteinander zu kommunizieren. Comics sind ein ideales Format, um Biografien und Memoiren zu erzählen. Sie sind auch ein großartiges Medium, um umfangreiche historische und politische  Einzelheiten auf eine mitreißende Art zu präsentieren. Und genau das war das Ziel mit Sally Heathcote Suffragette.

Du bist eine bekannte Wissenschaftlerin und kannst auf viele akademische Publikationen zurückblicken. Wie haben deine KollegInnen aus dem Wissenschaftsbetrieb reagiert, als deine erste Graphic Novel veröffentlicht wurde?

Mary: Vor allem eine frühere Kollegin war völlig begeistert, aber Dr. Mel Gibson ist schließlich Comicforscherin! Ich bin sicher, dass sie alle es positiv (wenn nicht auch etwas überrascht) aufgenommen haben. Ich forsche mittlerweile nicht mehr an der Universität, aber ich habe viele Jahre an der University of Sunderland gearbeitet, übrigens einer der beiden Unis, die Bryan einen Ehrendoktortitel verliehen haben.

Womit wir beim nächsten Punkt wären: Bryan, du bist ein erfolgreicher Comickünstler und hast Marys erste Graphic Novel „Dotter of her Father’s Eyes“ gezeichnet. Warum hast du nicht auch „Votes for Women” illustriert?

Bryan: Ich habe zu dem Zeitpunkt bereits an der Umsetzung von „Grandville – Noël” gearbeitet, dem vierten Band meiner Serie von anthropomorphischen Detektivthrillern (auf Deutsch bei Schreiber & Leser, Anm. d. Red.), ich hatte also keine Zeit, beides zu machen. Was ich zum Buch beigesteuert habe, waren das Lettering, die Seitenentwürfe und die Panelanordnung. Ich habe die Geschichte mit groben Skizzen vorerzählt, Lichtquellen und Perspektiven festgelegt. Man könnte sagen, ich war der Regisseur. Kate Charlesworth hat dann die Ausarbeitung der Zeichnungen übernommen.

VfW_03Deine Arbeit begann also, als das komplette Skript bereits vorlag? Wie genau lief eure Zusammenarbeit ab?

Mary: Ich war die alleinige Autorin, obwohl Bryan hier und da neue Formulierungen vorgeschlagen hat, um Unklarheiten zu beseitigen, was sehr hilfreich war. Ich habe zuerst das komplette Skript geschrieben inklusive Seiten- und Panelaufteilung. Dann hat Bryan die Seiten skizziert und die visuelle Umsetzung vorbereitet. Seine Layout-Seiten gingen danach an Kate, meist im Zehnerpack, zusammen mit allen fotografischen Referenzen, die wir finden konnten. Kate vollendete dann die Zeichnungen. Wir haben uns durchgehend gegenseitig über die Schulter geschaut und die jeweiligen Beiträge kommentiert und Verbesserungen vorgeschlagen.

Wieso fiel eure Wahl auf Kate Charlesworth als Zeichnerin für dieses Buch?

Bryan: Wegen des Themas wollte ich gerne eine Zeichnerin haben und – was noch hinzukommt – Kate kannte sich bereits bestens mit den Suffragetten aus. Sie ist eine bemerkenswerte Künstlerin und wir hätten keine bessere oder passendere finden können. Sie hat es auf fantastische Weise geschafft, die Atmosphäre des Edwardianischen Zeitalters einzufangen.

Beinahe alle Szenen in eurem Buch sind sehr realistisch gehalten, aber es gibt eine surreale Sequenz, in der eine Abordnung der Suffragetten den britischen Premierminister und den Schatzkanzler zum ersten Mal trifft, um ihre Forderungen zu präsentieren. Während dieses Treffens verwandeln sich die Frauen in Mäuse und die Politiker in Katzen. Diese Bilder machen angesichts des Ergebnisses der Zusammenkunft völlig Sinn, aber warum habt ihr euch ausschließlich an dieser Stelle für eine derartige visuelle Allegorie entschieden?

Mary: Diese Szene ist erst ziemlich spät hinzugekommen. Als ich den fertigen Skriptentwurf durchsah, entschied ich, dass wir noch mehr Vorspiel und Erklärung für die Wut der Aktivistinnen brauchten, die danach den Ton angab. Es lag auf der Hand, dieses Treffen reinzunehmen, aber in meiner Hauptquelle, der WSPU-Zeitung „Votes for Women”, fand ich nur ein dreiseitiges Gesprächsprotokoll, und das war nicht besonders fesselnd. Diese Verwandlung sollte dazu dienen, die Szene interessanter zu machen und auf einnehmende Weise die blasierte Arroganz zu vermitteln, mit der es die Suffragetten dort zu tun bekamen.

Mary, du hast bereits das Skript für deine dritte Graphic Novel geschrieben, und Bryan hat es bereits zeichnerisch umgesetzt. Verrätst du uns, worum es darin geht?

Mary: Es ist die Biografie einer außergewöhnlichen Frau. Ich verrate mehr dazu im Oktober bei einer Gesprächsrunde auf dem „A Vision of Utopia“ Comic Art Festival in Kendal (England).

Das Interview führte Andreas Völlinger.


Links:

http://www.mary-talbot.co.uk/sally-heathcote-suffragette/

http://www.bryan-talbot.com/

 

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