Michael Cho im Interview

Gepostet am Jun 30, 2015 in Interview | Keine Kommentare
Michael Cho im Interview

Klein, aber fein: Michael Chos Shoplifter ist eine wahre Leseperle, die einige grundsätzliche Fragen an das Leben im Informationszeitalter stellt. Bringen uns soziale Medien tatsächlich näher zusammen? Helfen uns moderne Technologien, unseren Weg zu finden? Andreas Völlinger hat sich mit dem Autor unterhalten.

Cho_Michael_c_Michael_ChoMichael, deine Hauptfigur Corrina erscheint so rund und echt, was hat dich zu ihr inspiriert?

Corrina basiert teilweise auf Leuten, die ich kenne. Mir sind in meinem Leben verschiedene Menschen über den Weg gelaufen, die mir außergewöhnlich klug, kreativ, gebildet und belesen schienen – Menschen, die in der Lage waren, gute Kritik zu liefern, aber aus welchem Grund auch immer nicht vorwärtskamen und nie selbst etwas auf die Beine stellten. Mein Wunsch, etwas über derartige Leute zu schreiben, war die grundsätzliche Inspiration für das Buch; mein Antrieb dafür. Ich konnte aber auch auf eigene Erfahrungen aus meinen 20ern zurückgreifen – eine Zeit, in der ich das Gefühl hatte, auf der Stelle zu treten und darauf zu warten, dass das „echte Leben“ beginnt.

Deine Einblicke in die Werbeindustrie, in der Corrina arbeitet, scheinen gut recherchiert zu sein. Hast du jemals selbst in einer Werbeagentur gearbeitet?

Nein, ich habe nie in einer Agentur gearbeitet. Aber als freischaffender Illustrator war ich schon für welche tätig und kenne mich etwas aus. Als ich für die Geschichte recherchierte, sprach ich außerdem mit meinem Schwager, der früher in einer Werbeagentur war, und quetschte ihn über bestimmte Details aus.

Shoplifter - Mein fast perfektes LebenVerrätst du, was dein bisher schlimmster Werbeauftrag war? Oder allgemein dein schlimmster Job als Illustrator?

Hahaha – na ja, ich tue mein Bestes, alles abzulehnen, was mir verdächtig scheint. Die schlimmsten Jobs sind also jene, die ich abgesagt habe – Bierwerbung für Schüler, fragwürdige Sachen von Ölfirmen und so weiter. Und was Illustratorenjobs im Allgemeinen angeht – die miesen sind gewöhnlicherweise die, die von einem Komitee abgenickt wurden und furchtbare, sich widersprechende Wünsche beinhalten, mit wenig Raum für künstlerische Entfaltung.

Zusätzlich zu deiner Kritik an unserer kapitalistischen Gesellschaft, die alles und jeden verkauft, knöpfst du dir auch soziale Netzwerke, Datingseiten und permanente Status-Updates vor. Bist du der Meinung, dass Facebook, Tumblr, Instagram und Co. mehr Nachteile als Vorzüge haben?

Während ich dem Kapitalismus ziemlich kritisch gegenüberstehe, habe ich grundsätzlich nichts gegen soziale Medien. Ich glaube, man sollte nicht das Medium kritisieren, sondern dessen Inhalt, wie er genutzt und von wem er kontrolliert wird. Ich sehe durchaus die Vorteile von sozialen Medien, die es jedem erlauben, Informationen zu verbreiten. Ihr Nutzen wurde mir zum Beispiel während der kürzlichen Proteste gegen Polizeigewalt in den USA klar. Die großen Nachrichtenmedien, die oft nur aus der Ferne berichten, verbreiteten nur eine Version der Dinge, während Leute, die direkt vor Ort bei den Protesten waren, etwas ganz Gegensätzliches berichteten.

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In „Shoplifter“ habe ich versucht rüberzubringen, dass die große Erzählung unserer Zeit zwar lautet, Technologie wie soziale Medien würden uns näher zusammenbringen und mehr verbinden als je zuvor, aber Menschen noch immer Ausgrenzung erfahren, sich einsam und ohne Zugehörigkeit fühlen und durch das soziale Netz fallen. Vielleicht sind wir heutzutage nur besser darin, das zu verstecken.

Du hast zumindest einen Twitter-Account. Könntest du dir vorstellen, ihn zu löschen und dein Smartphone wegzuwerfen?

Ich habe ständig diese Fantasie, eines Tages als alter Mann alles hinter mir zu lassen und in die Wildnis zu ziehen, wo ich dann ein Einsiedlerleben ohne Technik und das Internet führe. Bis ich dafür alt genug bin, ist es wahrscheinlich noch schwieriger, ohne Zugang zur technologisierten Welt klarzukommen.

Aber Twitter? Ja, darauf könnte ich jederzeit verzichten.

Shoplifter01Während ich „Shoplifter“ las, musste ich wegen des Zeichenstils ein wenig an deinen kanadischen Künstlerkollegen Darwyn Cooke denken. Dann habe ich herausgefunden, dass du bereits Arbeiten von ihm getuscht hast. Es scheint, ihr beide habt ähnliche künstlerische Vorlieben und gemeinsame Einflüsse und Vorbilder. Haben du und Darwyn da jemals drüber gesprochen?

Ich habe mal eine Geschichte getuscht, die er geschrieben, aber Dave Bullock gezeichnet hatte. Und Darwyn und ich haben in der Vergangenheit zusammen an ein paar Einseitern und Bildern gearbeitet, aber nie für die großen Verlage.

Da er eine Weile ebenfalls in Toronto lebte, haben wir ab und an übers Zeichnen gesprochen. Sein Studio war in derselben Straße wie meins. Wir hatten so etwas wie einen kleinen Lunch Club mit anderen lokalen Comiczeichnern und trafen uns einmal die Woche. Wir haben auf jeden Fall gemeinsame künstlerische Vorbilder – bei einem unserer ersten Gespräche verstanden wir uns gleich, weil wir beide Milton Caniff und die mit ihm verbundene Zeichentradition bewundern. Ich wurde auch stark von Noel Sickles beeinflusst und Darwyn machte mich mit dem Werk von Frank Robbins bekannt, den ich vorher nur vage gekannt hatte. Dafür bin ich ihm ewig dankbar, denn seitdem bin ich ein großer Fan von Robbins.

Ist es eine künstlerische Herausforderung für dich, die Arbeit eines anderen Zeichners zu tuschen, oder eher ein technischer Prozess und nur ein Job?

Es ist nie einfach nur ein Job. Nichts, worunter ich meinen Namen setze, ist „nur ein Job“. Aber wie ich andere Künstler tusche, hängt davon ab, wie eng wir kollaborieren. Wenn meine Rolle nur die eines Inkers ist, dann versuche ich so zu tuschen, wie der Zeichner es selbst machen würde oder wie er es geinkt haben will, wobei ich versuche, seiner Vorstellung und Herangehensweise so nahe zu kommen wie möglich. Aber wenn es eine echte Kollaboration ist und der Zeichner mir die Möglichkeit gibt, es so zu machen, wie ich möchte, dann versuche ich so viel von mir selbst in das Projekt einzubringen wie möglich und dem Artwork mehr meinen Stempel aufzudrücken.

Aber so oft habe ich andere Künstler eigentlich gar nicht getuscht, vor allem nicht in den letzten Jahren.

Shoplifter02Neben deiner Arbeit an verschiedenen DC- und Marvel-Comics hast du auch eine Reihe von Gemälden mit klassischen Superhelden fabriziert – du musst also ein Fan sein. Was fasziniert dich an diesen Figuren und dem Superheldengenre?

Superhelden sind meine Kindheitsliebe. Es ist das Comicgenre, das ich als Kind als Erstes für mich entdeckte, nachdem ich nach Kanada eingewandert war. Meine Liebe zu Comics begann mit diesen ersten Marvel- und DC-Comics, die ich in den 80ern las. Ich werde daher immer Sympathie für dieses Genre haben – ich mag sie vor allem als All-Ages-Fantasy- und Abenteuergeschichten, so wie Kinder heute Mangas oder „Harry Potter“ mögen. Ich mag sie etwas weniger als Comics für Erwachsene.

In den besten Superheldencomics steckt ein „Sense of Wonder“, der für ein leicht zu beeindruckendes Kind wirklich magisch sein kann. Ich habe schöne Erinnerungen daran, Nachdrucke von Jack-Kirby-Comics unter der Bettdecke zu lesen, gebannt von den grandios anzusehenden Untergängen ganzer Universen, die in kleinen Panels und auf billigem Zeitungspapier gezeigt wurden.

Trotz deiner Kindheitsfaszination mit kirbyesken Superhelden-Epen hast du dir für deine erste eigene Comicarbeit eine eher ruhige, charakterbetonte Geschichte in einem realen Umfeld ausgesucht. Und du erwähntest bereits deinen Wunsch, über bestimmte Menschen, die du kennst, zu schreiben. Kannst du dir vorstellen, in Zukunft auch fantastische Geschichten zu kreieren, oder ziehst du es vor, im realistischen Feld zu bleiben?

Shoplifter03Wenn ich an einer ruhigen, persönlichen Erzählung arbeite, fantasiere ich witzigerweise davon, aus meinem nächsten Comic ein total verrücktes Action-Abenteuer zu machen. Und wenn ich an einem lauten Action-Abenteuer arbeite, fantasiere ich von einer ruhigen und realistischen Charakterstudie.

Ich habe ein paar Ideen für fantastische und andere Genre-Geschichten, die ich hoffentlich in Zukunft schreiben und zeichnen werde. Ich bin sicher, dass ich irgendwann mal dazu komme.

Wann und warum hast du dich entschieden, „Shoplifter“ ausschließlich in Pink (und Schwarz) zu kolorieren? Was, nebenbei gesagt, einen sehr schönen Effekt hat.

Ich mag es, mit zwei Tönen zu arbeiten – da sieht man meine Vorliebe für klassische Illustration. Viele meiner Comics sind in diesem Stil koloriert worden. Es gibt natürlich auch andere Künstler, die im Zwei-Farben-Stil arbeiten, und so habe ich für „Shoplifter“ versucht, eine Farbe zu wählen, die heraussticht und selten zu finden ist. Als ich mit „Shoplifter“ anfing, wurde für sehr viele Comics Blau als zweite Farbe verwendet, so erschien mir Pink als gute Wahl. Ich fertigte einige Testseiten in verschiedenen Farben an und mochte sehr, wie das Pink den Zeichnungen etwas Intimes gab, so hab ich mich dafür entschieden.

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Du zeichnest und malst mit Tusche, Wasserfarben, Gouache und auch digital. Wie entscheidest du, welche Herangehensweise die richtige für ein Projekt ist?

Das ist eine echt gute Frage! Meistens ergibt sich das Zeichenwerkzeug daraus, wie ich ein Projekt begreife, aber manchmal auch aus Zweckdienlichkeit. Normalerweise diktiert der Look eines Projekts die Werkzeuge und ich sinne da nicht zu viel drüber nach. Digitale Zeichenwerkzeuge nutze ich oft, um etwas mehr experimentieren zu können und dabei das Sicherheitsnetz zu haben, alles rückgängig machen zu können.

Bei meinen eigenen Comics bevorzuge ich es, „am Zeichenbrett zu kleben“ und so wenig digital wie möglich zu machen. In dieser Hinsicht bin ich Traditionalist und freue mich sehr, am Ende des Tages das Resultat auf Papier zu sehen. Ich mag die Vorstellung, dass ich die gleichen Bleistifte, Pinsel, Lineale, Kreisschablonen und Korrekturflüssigkeit benutze wie meine Lieblingscartoonisten bereits vor beinahe 100 Jahren. Das gibt mir ein schönes Gefühl von Kontinuität und Tradition.

Shoplifter04Wie ist es für dich, dass dein Buch in andere Sprachen übersetzt wird? Siehst du deine Arbeit in einem anderen Licht, wenn du den Text nicht lesen kannst? Und befürchtest du, dass vielleicht die Feinheiten der Dialoge verloren gehen könnten?

Es ist auf jeden Fall eine seltsame und spannende Erfahrung. Ich bin gebauchpinselt, dass „Shoplifter“ in viele verschiedene Sprachen übersetzt wurde. Ich mag es, die unterschiedlichen Ausgaben anzuschauen und wie sie zusammengestellt wurden. Ich mache mir schon ein bisschen Sorgen wegen der Übersetzungen und dass Feinheiten oder das Timing verloren gehen. Aber ich bin allgemein begeistert, wie viel Sorgfalt in die internationalen Ausgaben gesteckt wird. Ich habe gerade Exemplare der Egmont-Ausgabe bekommen und war absolut begeistert – die haben da einen wunderbaren Job gemacht.

Arbeitest du schon an deinem nächsten eigenen Comicprojekt?

Als ich mich entschied, Graphic Novels zu machen, entwarf ich eine Reihe von fünf Büchern, von denen „Shoplifter“ das erste ist. Momentan arbeite ich am zweiten, das um einiges länger ist und mich noch eine Weile beschäftigen wird.

Worum geht es denn darin – oder, falls es noch zu früh ist, über Details zu sprechen: Was ist das generelle Thema? Und da du fünf Bücher erwähntest: Werden diese auf irgendeine Weise zusammenhängen?

Ich möchte noch nicht zu viel verraten, aber das nächste Buch ist auf jeden Fall viel länger und dreht sich thematisch um Liebe und Abhängigkeit. Es spielt an verschiedenen Orten, von einer großen Stadt bis zu einem Küstenstädtchen.

Und was die fünf Bücher angeht, ja, sie sind miteinander verknüpft. Es werden nicht in allen dieselben Figuren auftauchen, aber es gibt ein paar Überschneidungen und wenn das fünfte Buch draußen ist, sollte klar sein, wie all diese Geschichten miteinander verbunden sind.

Das Interview führte Andreas Völlinger.

Zur Website von Michael Cho.

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