Nate Powell im Gespräch

Gepostet am Nov 19, 2015 in Interview | Keine Kommentare
Nate Powell im Gespräch

Als du 14 Jahre alt warst, hast du zum ersten Mal Comic-Hefte herausgebracht. Was für Comics waren das?

Ich und zwei meiner besten Freunde fingen 1990 an, Comics zu zeichnen. Unsere Geschichten waren dystopische, verschwommen-politische Superhelden-Comics, beeinflusst sowohl von den Mangas des Zeichners Masamune Shirow als auch von unserem aufkeimenden Widerstand gegen die Zustände, die zur Zeit der ersten Präsidentschaft von George Bush herrschten. Unsere erste Serie hieß D.O.A. und wurde im September 1992 veröffentlicht. Von jedem Heft wurden 100 Exemplare gedruckt. Die wurden dann im Comicladen vor Ort verkauft – und auf dem Schulhof direkt aus unseren Rucksäcken.

Powell_Nate_c_privatUngefähr zur selben Zeit fing ich an, mich für Underground-Punk zu interessieren. Das habe ich der außergewöhnlichen Musik-Szene von Little Rock zu verdanken, meiner Heimatstadt in Arkansas. Ich las Punk-Magazine und gab bald auch selbst welche heraus. Diese Magazine waren aufgepeppt mit miesen Gedichten und ziemlich persönlich. Außerdem enthielten sie Kurzcomics und Illustrationen. Damals war mir noch nicht klar, dass meine Arbeit an Comics und das Schreiben für diese Magazine Teil des gleichen Prozesses waren. Als mein Interesse an Superhelden-Comics abflaute, war der Übergang ganz natürlich und mein Themenfeld wurde größer.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit zwischen dir, Mark Long und Jim Demonakos?

Mark und Jim leben beide in Seattle. Sie hatten das Manuskript bereits geschrieben, als sie mich im Oktober 2008 kontaktierten. Jim und ich haben uns vorher einmal auf einer Comic Convention getroffen. Meine Graphic Novel Swallow Me Whole kam damals gerade frisch aus der Druckerei. Jedenfalls verrieten mir Jim und Mark, worum es bei Das Schweigen unserer Freunde ging und dass sie ganz versessen darauf seien, mich im Team zu haben. Damals arbeitete ich noch Vollzeit und hätte nie gedacht, meinen Lebensunterhalt mit dem Zeichnen von Comics zu verdienen. Es brauchte ein paar Monate und ein paar Anrufe, um mich zu überzeugen. Heute bin ich froh, dass ich mich dafür entschieden habe. Mit der Arbeit an dem Buch habe ich im Frühjahr 2009 begonnen. Einige Monate später gab ich meinen Job auf.

U_3729_1A_ECC_SCHWEIGEN_UNSERER_FREUNDE.IND7Wie sah die Zusammenarbeit mit Mark und Jim genau aus?

Das Skript von Jim und Mark ähnelte dem Drehbuch zu einem Kinofilm. Handlungen und Dialoge waren genau beschrieben. Aber sie haben es mir überlassen, die Erzählgeschwindigkeit festzulegen und den Fokus für jede Szene und jedes Panel zu setzen. In zweierlei Hinsicht war das eine großartige Lernerfahrung für mich. Denn durch die Arbeit mit einem in sich geschlossenen Manuskript konnte ich mich auf die Klarheit und die Feinheiten der Gestaltung konzentrieren. Vieles von dem, was ich dabei angewendet habe, konnte ich für die Weiterentwicklung meines eigenen Schreibstils nutzen. Als die Arbeit voranschritt, sprachen wir drei – zusammen mit unserer Redakteurin Calista Brill – über den Inhalt, die Darstellung und über unsere persönlichen Erfahrungen mit diesem großen und sensiblen Thema.

Die Ereignisse in Das Schweigen unserer Freunde haben zehn Jahre vor deiner Geburt stattgefunden. Wie war es für dich, sich in eine Zeit einzufühlen, die du nur aus Büchern, Filmen und den Erzählungen von Leuten kanntest, die älter sind als du?

Der Ort, in dem ich aufgewachsen bin, lag nur ein paar Autominuten von Houston, Texas entfernt. Meine Eltern stammen aus Mississippi und lebten dort, als sich die schlimmsten Vorfälle der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung ereigneten. Als ich anfing, das Skript umzusetzen, konnte ich eine Menge in dem Buch anlegen, was ich bereits aus erster Hand über den Süden wusste. Das reichte bis zur Darstellung von Gebäuden, der Landschaft, dem Boden und der Art, wie die Leute miteinander redeten. Ich wuchs als fortschrittlicher, weißer Südstaatler auf, als Nebenprodukt einer bewegten und schrecklichen Geschichte. So staunte ich manchmal, wie viel sich in den Jahren zwischen Marks und meiner Kindheit verändert hatte. Doch genauso oft war ich schockiert darüber, wie wenig sich unser kulturelles Klima nach 40 Jahren gewandelt hatte. Ab und zu war mir, als würde ich Teile aus meiner eigenen Erinnerung erzählen.

1983 – ich war damals 5 Jahre alt – habe ich Anhänger des Ku Klux Clan gesehen, voll kostümiert, mit brennendem Kreuz, auf einem Platz in Meridian, Mississippi. Meine Eltern und ich waren auf der Durchreise, um Verwandte zu besuchen. Ich hatte keine Ahnung, was ich da gerade beobachtete. Aber ich kann mich noch daran erinnern, wie sich die Sekunden hinzogen, nachdem ich meine Eltern gefragt hatte, wer diese Leute waren. Bis sie es mir erklärten. Vielleicht bin ich einer von wenigen in meinem Alter, die jemals so etwas mit eigenen Augen gesehen haben. Es ist wichtig aufzuzeigen, dass das damals immer noch passierte. Dass ich es erlebt habe, am helllichten Tag.

Wie würdest du die Botschaft von Das Schweigen unserer Freunde beschreiben?

Der wichtigste Aspekt der Geschichte liegt in den Grauzonen verborgen. Am meisten hat mich beeindruckt, wie Jack und Larry aus ihrer gemeinsamen Weltanschauung eine Verbundenheit entwickeln. Zugleich sind sie eng an den Ablauf der Ereignisse gebunden. Jack riskiert ihre Freundschaft, weil er seine journalistische Neutralität bewahren will. Larry kämpft im Gerichtssaal für Gerechtigkeit, indem er Jacks Alkoholabhängigkeit offenlegt und seine Aussagen diskreditiert. Der Kampf ist gewonnen, aber ob ihre Freundschaft jenseits der Buchseiten weiter besteht, werden wir nie erfahren.

Durch die Attentate auf Martin Luther King und Robert Kennedy rückten viele Menschen zusammen. Teile der Gesellschaft näherten sich so den Zielen der beiden an, obwohl man sagen muss, dass sich dieser Erfolg ganz klar auf einer Niederlage gründete. Um für das Richtige einzutreten, muss man sein bequemes Leben oft weit hinter sich lassen. Manchmal führt dieser alltägliche, gewohnte Komfort dazu, dass furchtbare Menschen alle anderen kontrollieren. Manchmal geschieht das für alle sichtbar, manchmal im Verborgenen.

Die Comic-Industrie in den USA wird traditionell vom Superhelden-Genre dominiert. Was bedeutet das für dich und deine Arbeit?

 Wie die meisten amerikanischen Comic-Künstler meines Alters bin ich mit Comic-Heften groß geworden. Einige davon haben eine wichtige Rolle für meine Entwicklung gespielt. So bin ich zum Beispiel Chris Claremont für seine langjährige Arbeit an X-Men sehr dankbar. Mit dieser Serie wurde mein soziales Gewissen erweckt und genährt. Durch die Strukturveränderungen der letzten zehn Jahre haben sich die amerikanischen Comics weiterentwickelt. Es ist uns jetzt bewusster, dass alle Comics zur selben Industrie gehören, zur selben Community. Es ist einfach so, dass man mit Comics nicht viel Geld verdienen kann, sei es nun mit Das Schweigen unserer Freunde oder mit Auftragsarbeiten für Marvel oder DC. Viele unabhängige Zeichner kommen nur über die Runden, indem sie Superhelden-Kram für die großen Unternehmen machen. Es ist sehr ermutigend zu sehen, dass diese wahrgenommene Trennung verschwindet. Am Ende sind es zwei Seiten der gleichen Medaille.

Das Interview führte Christopher Bünte.


Nate Powells Website: http://www.seemybrotherdance.org/

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